Die Arbeit mit Gestaltungsrastern ist bei professionellen Gestaltern längst ein selbstverständliches Arbeitswerkzeug geworden. Wir schauen auf die Vorbilder aus den fünfziger Jahren und gleichzeitig auf »gerasterte« Architektur. Natürlich sind auch die Anfänge der Arbeit mit Rastern geläufig, wofür die Arbeiten von Piet Mondrian stehen. Und wenn man sich mit diesem Thema befasst kommt man immer wieder auf einzelne Künstler, die sich mit Rastern beschäftigen oder solche anwenden. Die Stuttgarter Ausstellung »Rasterfahndung« im Kunstmuseum fasste nun zusammen, was seit 1945 hierzu geschah (noch zu sehen bis 7. Oktober 2012).


Zur Ausstellung ist ein umfangreiches Katalogbuch erschienen. Das ist nicht nur schön und sehr gut gestaltet (stapelberg&fritz), sondern erschließt das Thema umfassend. Der Titel stammt eigentlich vom Bundeskriminalamt, das nach der Schleyer-entführung mit diesem Begriff eine Flächen umfassende Fahndung nach Terroristen startete. Eine gewisse Verwandtschaft gibt es allerdings auch beispielsweise bei einer »überwachungsfreien Tour« durch Linz (Social Impact, 2009), oder Chris Oakles »The Catalogue«, in der das durch Computer generierte und analysiert Kaufverhalten in einem Einkaufscenter erschreckend deutlich wird.

Raster meint natürlich die vielen Arbeiten von Künstlern aus der Minimal Art, der PopArt, wo es um sehr kleine Rasterzusammenhänge geht. In unserer Branche gehen wir damit berufsbezogen um, nämlich mit dem Druckraster und der Bildauflösung. Im Buch finden sich so unterschiedliche Arbeiten von Künstlern wie Roy Lichtenstein, Sigmar Polke, Chuck Close oder Sol LeWit. Neben der Einführung in Buch und Ausstellung finden sich sehr lesenswerte Texte zu »Plastic Fantastic«, die Bildwelt im Raster, der Fehler im System (Raster, Wurzelbaum und Rhizom), Rasterstadt und Utopie, Programm und Raster und die Bedeutung des Rasters für Musik und andere Künste. Theorien zum Thema Raster scheinen in den Kunstdisziplinen selten zu sein. Mehrfach wird auf eine Arbeit von Rosaline Kraus hingewiesen, die schon 1978 über Raster in einem Buch mit dem Titel »Die Originalität der Avantgarde und andere Mythen der Moderne« geschrieben hatte. Sie sieht den Raster nicht als Geschichte, jedoch als Struktur, »die einen Widerspruch zwischen den Werten der Wissenschaft und jenen des Spiritualismus zulässt«.

Gerasterte Systeme sind für angewandte Gestaltung sehr anregend. Attila Kovács hat ein Bildschema von Josef Albers mit 1620 Varianten in der Struktur analysiert. Daraus entstand eine fast raumfüllende Systemdarstellung. Eine Kombinatorik mit Rastern und Farben zeigt Horst Bartnig, wobei das Raster einer sichtbaren Ordnung dient. Frank Badur sieht seine »Grid Drawings« nicht als abstrakte Kunst, sondern homogen gemalte Rechtecke gelten bei ihm als konkrete Wirklichkeit. Im Sinne der Nachfolge von Max Bill zeichnet Max H. Mahlmann reduzierte geometrische Bildstrukturen und Esther Stocker hat einen schwarzen Raum mit einem weißen Raster überzogen, die wiederum von schwarzen Flächen »gestört« werden.

Es gibt also aus diesem Buch viele Anregungen für Gestalter, durchaus andere Erkenntnisse, zunächst befremdliche Vorgehensweisen und viele vergnügliche Erlebnisse mit Rastern,  Strukturen und Materialien. Und einen erweiterten Blick.

Ulrike Groos, Simone Schimpf (Hrsg.):
Rasterfahndung
Das Raster in der Kunst nach 1945
328 Seiten mit ca. 350 Abb.
Broschur
Wienand Verlag, Köln 2012-08-25
ISBN 978-3-86832-089-3
39,80 Euro