Drei sehr großartige Bücher, die bestimmt nicht zusammenpassen, beschäftigten mich zur gleichen Zeit. Alle sind außergewöhnlich und doch voller Verweise.

 

 

Henning Ritters »Notizhefte« sind wohl tatsächlich Notizen, die während des Schreibens an und für andere Projekte entstanden sind. Ohne Register, ohne Überschriften kann man sich quer durch die Seiten auf Neues und tief gedachtes einlassen. Die ganz normale Lesetypografie und das Halbdünndruckpapier helfen dabei. Inhaltlich hochgelobt (Die Zeit, 14-10-2010).

 

 

Das ganz andere Projekt nennt sich »Album« und stammt von Hans Magnus Enzensberger, erinnert im Layout etwas an Hans Joachim Gelbergs ebenso wunderbare Jahrbücher der Kinderliteratur aus den siebziger Jahren. Auch hier darf man blättern, verweilen, eine Ordnung ist nicht öffentlich gemacht.

 

 

Und dann das dritte Buch, eine völlig verrückte, abenteuerliche, verwegene, komische, unpraktische, ja leicht wahnsinnige Broschur (ja Broschur!) von 3000 Seiten auf Dünndruckpapier: »Das Lesikon der visuellen Kommunikation« von Juli Gudehus. Als ich das Buch aus der Schrumpffolie nahm dachte ich, dass dieses Exemplar vielleicht schon jemand anderes besprechen wollte und schon Einmerker gelegt hat. Irrtum, das sind zufällige Zugaben der Autorin. Bin ich bei einem Eventbuch gelandet? Der Blick ins Buch macht zunächst ratlos. Es sieht wie ein Lexikon aus, hat einzelne Beiträge (von dreitausend Autoren), geht aber nicht von A bis Z, sondern hat 508 Kapitel gruppiert. Zum Suchen also ein Labyrinth. Die Quellen stehen immer unter dem jeweiligen Beitrag, jedoch nach dem Erreichen des 25. Lebensjahres nur mit Lupe zu erforschen. Aber für lexikalisch suchende: Es gibt auch ein Register, wo alle behandelten Stichpunkte aufgeführt sind. Aber damit das nicht so einfach geht sind die Begriffe dort alle aus Versalien gesetzt. Und trotzdem, die Beiträge sind informativ, oft auch komisch, nicht alles dürfte wissenschaftlich begründet sein und es ist ein ziemliche Spaß sich mit dieser in jeder Hinsicht schweren Broschur zu beschäftigen. Rezensenten würden jetzt gerne beispielhafte Beiträge hervor holen oder in Bezug setzen. Natürlich habe ich das gerade in meinen Kern-Interessensgebieten auch gemacht. Und versuchen Sie es einfach auch so. (Inzwischen benutze ich die gewichtigte Broschur durchaus auch zum Nachschlagen, falls es meine Zeit zulässt).  

 

Henning Ritter
Notizhefte.
426 Seiten,
32,00 €,
ISBN-13: 9783827009586
Berlin 2010 (Berlin Verlag)
HYPERLINK „http://www.suhrkamp.de/autoren/hans_magnus_enzensberger_1134.html“ 

 

Hans Magnus Enzensbeger
Album.
Mit vielen Bildern
241 Seiten, 
39,90 € 
ISBN: 978-3-518-42210-6. 
Berlin 2010 (Suhrkamp Verlag)

 

Juli Gudehus 
Das Lesikon der visuellen Kommunikation. Eine Collage.
3.000 Seiten mit 5 individuellen Fundstücken der Alltagstypografie als Lesezeichen.
9.704 Begriffe.
ISBN 978-3-87439-799-5,
100,00 EUR.
2010, Mainz (Hermann Schmidt)