Dieses Buch jammert nicht darüber, dass dank der Computer immer weniger gelesen wird. Eher im Gegenteil. Das Unbehagen in der digitalen Welt (des Lesens) besteht nicht zu Recht. Und damit beschäftigt sich der Literaturwissenschaftler Gerhard Lauer und beginnt gleich mit dem uns innewohnenden Hunger nach Geschichten. Und diese Geschichten finden nicht nur im gedruckten Buch statt, sondern in digitalen Texten, Filmen, Botschaften aller Art, z.B. in YouTube oder FaceBook. Und vor dem Computer zu sitzen muss uns nicht dick und dumm machen.

Medienkritik gibt es seit es Medien gibt und verstärkt sich immer dann, wenn etwas Neues kommt. Das beginnt mit Platos Kritik an dem neuen Medium Schrift. Um 1500 wurde beklagt, dass das sorgfältig gehütete Herrschaftswissen durch das Buch ausgebreitet würde (gegen Erasmus von Rotterdams kommentierte Zitatensammlung »Adagia«). Und das beherrschte auch die Diskussionen der frühen Neuzeit: Wer darf die Bücher überhaupt lesen und vor allem die Texte wie »Gottes Wort« auslegen? Doch im 18. Jahrhundert  gab es einen (bürgerlichen) Sturm auf die Literatur und gleichzeitig die Kritik am Lesen von Romanen. Ende des 20. Jahrhunderts kam eine starke Technikkritik hinzu; vielleicht erleichtert durch flimmernde Bildschirme. Das Ende der Bücher und des Lesens wurde prophezeit. Und heute wird so viel gelesen wie noch nie und Bücher gibt es immer noch. Gelesen wird aber in vielen anderen Bereichen und Kanälen.

Lauer zitiert den Kulturphilologen Theodor Lessing, der 1932 von der »Aufpulverung des Lebens« durch neue Medien außerhalb der Bücher, spricht, wendet sich gegen die Behauptungen vom Verfall der Intelligenz im Zeitalter von Computer und Internet oder die Verrohung der Jugend. Der Autor holt dabei weit aus, untersucht und zitiert zahlreiche Studien zur Mediennutzung, nimmt populäre Literatur oder den Spielebereich mit hinein. Selbst die Vereinsamung vor den digitalen Geräten lässt Lauer so nicht gelten und führt das auch umfangreich aus.

Unsere Sprache wird in unserer modernen Welt reicher, wenn auch bisweilen anders. In zahlreichen Studien der Leseforschung bevor Computer und Internet zur Verfügung standen ging der Anteil der Leser – besonders nach der Einführung des Fernsehens – leicht zurück. Ab 2009 gibt es positive Signale für die Bereitschaft zum Lesen. Allerdings bezieht sich das längst nicht mehr nur auf gedruckte Medien. Das ist sehr unterschiedlich. Während in den USA die Nichtleser etwa die Hälfte der Bevölkerung ausmachen sind es in Deutschland nur etwa ein Viertel der Gesellschaft.

Der bisherige Literaturbetrieb wird sich ändern. Die sehr große Gruppe der Selfpublisher behauptet sich im Gegensatz zu den etablierten Verlagen. Wobei das Selbermachen auch sehr kritisch zu sehen ist (kritischer als es der Autor tut). Selbermachen bedeutet in der Regel Amateurarbeit und so sieht es leider fast immer aus. Aber dadurch wird dieser Trend nicht aufgehalten. Die Digitalisierung des Drucks erlaubt sehr viel, alles ist in kleinem Rahmen möglich, vom Manuskript zur Produktion bis zur Vermarktung

Dass gelungenes Lesen auch von der richtigen Typografie und der Wiedergabe der Schrift abhängt wird in diesem Buch leider nicht erwähnt. Das Buch mit 262 Seiten, das ich für diese Besprechung gelesen habe, ist auf sehr weissem Papier, vermutlich digital gedruckt. Die Farbhaltung ist nicht gleichmäßig. Wen störts? (Unser Dilemma auf der Suche nach optimaler Leserlichkeit ist ja dies, dass mäßige Qualität nicht ins Bewußtsein des Lesers dringt).

Weit in die Gesellschaften und die modernen Techniken holt Lauer in den letzen Kapiteln noch aus. Manchmal meinte ich eine gewissen Euphorie über die vielen Möglichkeiten aller sozialen Schichten im Zusammenhang mit der Mediennutzung zu hören. Die Kritik folgt eher sanft. Wer sich über die in unserem typografischen Bereich der Lesbarkeit und Leserlichkeit hinaus über das große und entscheidende Umfeld in formieren will sollte das Buch trotz seiner manchmal ausladenden Tendenz lesen.

Und übrigens zitiert die Covergestaltung, oder bildet das ab, einen Halbgewebeband, also ein sehr klassisches traditionelles Buch.

Gerhard Lauer
Lesen im digitalen Zeitalter
264 Seiten 
135 x 215 mm
wbg Academic, Darmstadt 2020
Band 1 der Reihe
»Geisteswissenschaften im digitalen Zeitalter«
ISBN 978-3-534-26854-2
20 Euro