Die Faszination von Buchhandlungen. Ein buchgestalterischer Vergleich


Gestalter und besonders Typografen mit Hang zur Buchgestaltung findet man oft recht glücklich stöbernd anwesend in Buchhandlungen. Und wenn die Buchhandlung dann noch besonders »schön« ist, kann das Glück sehr groß sein. Zwei Bild-Text-Bücher stelle ich hier gegenüber, zum gleichen Thema, aber in der Art sind sie sehr unterschiedlich. Und es ist ein gestalterischer Vergleich zweier Bücher und keine herkömmliche Buchbesprechung. Beide Bücher sind sorgfältig editiert und gestaltet und zudem interessant zu lesen und in ihnen zu sehen.

Do You Read me? Besondere Buchläden und ihre Geschichten
Buchhandlungen. Eine Liebeserklärung
(Text hierfür jeweils rot)

Erster Eindruck
Do You Read Me?: Ein Bild-Text-Buch, Sachbuch-artig, sehr dichter Inhalt. Der Titel »Do You Read me?« würde mich zunächst nicht darauf bringen, dass es sich um ein Buch über Buchhandlungen handelt.
Buchhandlungen: Großzügiges, eher künstlerisch anmutendes Buch. Visuell sind die Fotos dominant.

Inhaltliches Konzept
Reportagen zu 63 internationalen inhaltlich schönen Buchhandlungen, unterbrochen durch 5 Essays.
47 internationale Buchhandlungen wurden besucht und für das Buch ausgewählt. Die Inhaber der Buchhandlungen beschreiben jeweils ihre Buchhandlung selbst.

Buchandlungen, Prestel Verlag

Fotos
Die Fotos stammen von verschiedenen Fotografen und wurden vermutlich in der Redaktion des Verlags ausgewählt und zusammengestellt.
Alle Fotos stammen von Horst A. Friedrichs, was dem Buch trotz der Verschiedenartigkeit der Buchhandlungen einen geschlosseneren Charakter gibt. Die Auswahl geschah zwischen den beiden Autoren und dem Gestalter Lars Harmsen.

Do You Read Me? gestalten Verlag

Layout
In der Basis zweispaltig, jedoch in der Höhe eher individuell, also kein strenger Raster. Der Sachbuchcharakter wird gefordert und zudem betont durch Überschrift, Untertitel, Vorspann, Text, Bildlegenden, Bilder in verschiedenen Formaten und auffällige Pagina. Bilder werden wahlweise auch in den Beschnitt gestellt. Sehr große Binnenabstände auf den Seiten. Die Doppelseitengestaltung wirkt bisweilen nicht harmonisch.
Im Wesentlichen ganzseitige und halbseitige Fotos. Jede Buchhandlung beginnt auf der linken Seite mit ihrem Namen als Überschrift und es folgt ein knapper Text. Ort und Eröffnung findet man dort als eine Art Kolumnentitel. Ein echter lebender Kolumnentitel (Fußtitel) steht jeweils unten auf der linken Seite.

Schriften
Saol Text (Florian Schick), Lauri Toikka, Editorial New (Mathieu Desjardins). Die Textschrift wirkt dünn, obwohl sie einen für die Seite sehr großen Schriftgrad benützt. Vielleicht ist auch der Zeilenabstand zu gering? Das dünne, zu leichte setzt sich in den Hedlines und Vorspann fort. Es fehlt an »Körper«. Zur Schriftwahl schrieb mir der Gestalter Stefan Morgner und zog nach meiner Veröffentlichung seine Aussage wieder zurück. Das muss hier nicht kommentiert werden.

Madison Antiqua Pro Regular, Noe Text Book (Schick Toikka), Suisse Int`Book. Die Textschrift wirkt selbstverständlich, gute Laufweite, angenehmer Zeilenabstand. Zur Schriftwahl schreibt der Gestalter Lars Harmsen:
»Grundsätzlich mag ich Schriften mixen, um Spannung zu erzeugen. An der Madison (Linotype) mag ich die interessante x-Höhe, die ausgeprägten Serifen… und den 60ies Style …. Das macht diese Schrift lebendig, ohne zu stressen. Der Noe (Schick Toikka) dagegen bin ich immer wieder verfallen. Hier ist sie eine gute, ausdrucksstarke Schwester zur Madison. Durch den Einsatz in der Headline werden ihre Kanten und scharfen Ecken deutlich. Für die nüchterne, »trockene« Info von Ort und Seitenzahl dann eben eine Helvetica (pardon, Suisse von Swiss Typefaces). Ich fand sie passen gut zusammen in diesem Buch über Bücher und zu diesen Menschen, die mit absoluter Leidenschaft einen Beruf machen, den es hoffentlich noch lange geben wird. Die Buchhandlungen sind eben auch oft aus einer anderen Zeit, dort herrscht ein eigenwilliger Geist und keine Buchhandlung gleicht der anderen«.


Beide Gestalter argumentieren für Schriftmischungen. Wäre bei Struktur und Menge des Textes nicht eine Schrift ausreichend und damit für die Gestaltung klarer?

Typografie
Der Sachbuchcharakter macht das Buch sehr lebendig und etwas unruhig. Die durchwegs zu großen Schriftgrade verstärken dies. Die Einzüge im Text sind etwas zu tief für eine flüssige Lesbarkeit.
Harmonisch, trotz der Schriftmischungen. Größenverhätnisse der einzelnen Elemente logisch wirkend, angenehme Proportionen. Doch sind die Einzüge im Text zu tief.

Druck und Papier
Mattgestrichenes Papier, der Druck (oder die Bildrepro) ist nicht immer brillant. Das kann auch an dem vielfältigen Bildmaterial liegen.
Papier Condat matt, aber immer noch eine gewisse positive »Glätte«. Hervorragender Druck von gut optimierten Bilddateien (Reproline Mediateam).

Cover und Ausstattung
Nicht nur durch den Titel, auch durch die grafische Aufmachung könnte man ein ganz anderes Buch erwarten. Wobei hier der eigentliche Buchinhalt viel konkreter wirkt. Das Vorsatz setzt das fort und man hat den Eindruck, dass das Außen mit dem Innen des Buches wenig zu tun hat. Der Buchrücken in Farbe gestellt, als wäre das etwas Materialhaftes, gibt eher den Eindruck einer Imitation für eine andere Materialität. Der gerundete Rücken entspricht dem Gewicht des Buches und dem Blätterverhalten.
Das Halbleinen gibt dem Buch den Eindruck eines wichtigen Kunstprojektes. Das Titelbild erlaubt keine zusätzliche Schrift. Die gestürzte Titelanordnung auf dem breiten Leinenstreifen passt nicht zum Buch, wirkt nicht organisch. Ein schönes Vorsatz, aber leider nur einseitig bedruckt, wobei dadurch der Eindruck eines Vorsatzblattes gestört wird. Ein praktisches Leseband ist vorhanden. Leider ein gerader Buchrücken. Das sieht zwar gut aus, läßt den Buchblock mit der Zeit aber nach unten sinken.

Vorsatz Do You Read Me?
Vorsatz Buchandlungen

Bibliografie
Marianne Julia Strauss & gestalten
Do You Read Me?
Besondere Buchläden und ihre Geschichten
272 Seiten
210 x 260 mm
272 Seiten mit ca. 300 Fotos
Hardcover
gestalten Berlin 2o2o
39,90 Euro
ISBN 978-3-89955-884-5

Horst A. Friedrichs, Stuart Husband
Buchhandlungen. Eine Liebeserklärung
256 Seiten
240 x 280 mm mit 240 Abbildungen
Halbleinen
Prestel Verlag, München 2020
36 Euro
ISBN 978-3-7913-8580-8

Inhalt Do You Read Me?
Inhalt Buchhandlungen
Und wer in München wohnt könnte gleich mal bei Literatur Moths vorbeischauen.

Typografie, ein ABC?


Ein ABC der Typografie nennt sich das Buch. Das stimmt aber zum Glück nicht, denn das Buch ist viel logischer nach Sachgebieten eingeteilt. Erst denkt man vielleicht, schon wieder ein Grundlagenbuch zur Typografie. Aber hier geht der Inhalt viel weiter. Die Darstellungen sind auf der Höhe der Zeit, sind knapp und präzise in ihrer Verständlichkeit und schließen immer die Anwendung in InDesign mit ein.

Mit diesem Kompendium ist ein sehr brauchbares Buch gelungen. Eine solide und unspektakuläre Seitengestaltung hält sich im Hintergrund. Die fachliche Bandbreite wird durch zahlreiche Gastbeiträge ergänzt, wie beispielsweise von Florian Adler, Lisa Fischbach oder Frank Rausch, um nur einige davon zu nennen. Doch auch in den einzelnen Beiträgen der Autoren findet man die Ratgeberschaft, z.B. zu speziellen Themen der Schrift von Albert Jan Pool.

Die Beiträge stehen häufig auf einer Doppelseite, was das Buch zum Nachschlagen sehr geeignet macht. So beginnt das 1. Kapitel über die Grundlagen der Schrift ganz »unten« beim Aufbau der Schriftzeichen und den Schriftschnitten, zieht sich mit vielen technischen Seiten hin bis zu Schriftwahl und den heiklen Schriftmischungen. 

Mit Layout und Satz geht es weiter mit einem starken Bezug zu InDesign, wobei sich die Doppelseiten mit knappen Erklärungen und plausiblen Bildbeispielen abwechseln.  Im 3. Kapitel zur Mikrotypografie reichen die Themen von typischen Fehlern bis zu einer Checkliste zu Typografie und Reinzeichnung. 

Schrift im Kontext behandelt Themen der visuellen Gestaltung, wie Weißraum, Anordnung, Typografie als Gestaltungsmittel, aber auch Papierformate, oder wie man Bücher einrichtet und die Druckdatenerstellung. Sehr wichtig ist das 5. Kapitel, wo es um digitale Typografie geht. Hier finden sich gerade für den Print-orientierten Gestalter viele wichtige Informationen, um auch endlich im digitalen Bereich Typografie richtig zur Wirkung zu bringen. Und schließlich gibt es auch noch ein Kapitel mit einer sehr verkürzten, doch reichlich illustrierten Schriftgeschichte.

In vielen Abschnitten werden Hinweise zur Erweiterung der einzelnen Themen als Link angeboten. Überhaupt ist die Navigationsmöglichkeit in der gedruckten Ausgabe schon sehr gut. Und besonders rentiert sich hier die Bundle Buch und E-Book Version zum Lernen und zur täglichen Praxis. Und zudem ist das Buch im Detail sehr übersichtlich gestaltet und aus der schönen Schrift Edit Serif gesetzt. Lediglich das mattgestrichene Papier wünschte ich mir in der Oberfläche noch matter, was die Haptik noch verbessern würde. Das Buch ist zum Einstieg in die Materie der Typografie praktikabel, aber auch zum Nachschlagen. Dabei kann es natürlich nicht die volle Weite der einzelnen Themen bringen.

Patrick Marc Sommer, Natalie Gaspar 
Das ABC der Typografie 
Grundlagen, Definitionen, Praxisanwendung 
399 Seiten 
Pappband
Rheinwerk Verlag, Bonn 2020 
39,90 Euro
(Bundle 44,90) 
ISBN 978-3-8362-6166-1

Beispielseiten
Beispielseiten
Beispielseiten

Typografie und Bild barrierefrei


Jeder Text, der zum Lesen veröffentlicht wird, muss typografisch bearbeitet sein. Das gilt auch dort, wo Einfache oder sogar Leichte Sprache eingesetzt wird. Für Typografen und Gestalter keine ganz einfache, aber sehr wohl wichtige Aufgabe. Im Hintergrund steht die Forschung, die ja, was den Einsatz von barrierefreier Typografie und Bildern angeht, noch am Anfang steht.

Kerstin Alexander von der Hochschule Merseburg hat gemeinsam mit ihren Studierenden sechs Studien zur Leserlichkeit von Typografie bzw. Lesbarkeit von Layout sowie sechs Studien zur Verständlichkeit von Bildern in der barrierefreien Kommunikation veröffentlicht. Barrierefreies Denken im Design hilft, empirische Forschung zur barrierefreien Kommunikation ein wenig zu begreifen. Menschen mit speziellen Lese- und Erklärungsbedürfnissen sollen besser informiert und ernst genommen werden. Die Überlegungen hierzu helfen nicht nur Gestaltern, die entsprechende Aufträge bearbeiten, sondern allen, die sich mit der Basis von Typografie und Bildwahrnehmung auseinandersetzen, denn bei Leichter Sprache kommt es auf Grundsätzliches an.

Die Autorin fasst in ihrer Einführung den Forschungsstand der barrierefreien Kommunikation zusammen, geht dabei von den bisherigen Regelwerken für Leichte Sprache aus. Ausführlich macht sie auf den Wissensstand zu Typografie und Layout in der Leichten Sprache aufmerksam, beschreibt detailliert Probleme der Schrift und deren Beschaffung, aber auch die Wirkung von Schrift auf mobilen Endgeräten. Ebenso beschäftigt sie sich mit dem Bild in diesem Umfeld, Bildfunktionen, Möglichkeiten des Bildeinsatzes für Leichte Sprache und auch damit, was innere Bilder bedeuten können. 

Den Kern des Buches bilden die genau beschriebenen Studien. Erfreulich für Typografen ist, dass viele Annahmen, die aus der sorgfältigen gestalterischen Praxis kommen, durch die Forschung bestätigt werden. 

Dass auf kostenfreie Schriftlizenzen besonders geachtet wird liegt sicher vor allem an der finanziellen Not im sozialen Bereich. So ergaben sich in den Forschungsstudien, dass beispielsweise der Unterschied der Lesegeschwindigkeit zwischen der Frutiger und der Open Sans sehr gering ist. Die Auswirkung von unterschiedlichen Zeilenabständen bei verschiedenen Schriften werden nachgewiesen. Dabei wird auch auf die irreführenden Angaben z.B. unter »Word« hingewiesen, wo typografisch Grundsätzliches immer noch ignoriert wird. Aus einem Qualitätsvergleich von verschiedenen frei verfügbaren Schriften gingen die Open Sans und die Gentium als »Testsieger« hervor.

Die in den Tests verwendeten Schriften lassen sich auch auf einer App vergleichen, die aus einem Text in Leichter Sprache besteht (http://kiw.hs-merseburg.de/wp-content/uploads/typo-app). Dabei ist Wirkung und Lesbarkeit des jeweiligen Regular-Schnitts vergleichbar. Und man sieht auch die Veränderungen, indem man den Schriftgrad größer stellt. Der Zeilenabstand bleibt dabei immer bei 150 %. Hierbei ist aber auch schon zu sehen, dass eine bisher in der Leichten Sprache angewandte Umbruchregel wie »jeder Satz beginnt auf einer neuen Zeile«, ins Absurde führt. Automatisch werden je nach Platzbedarf die Zeilen umbrochen und der Rest der Zeile steht dann eben auf den nächsten Zeile.

Juliane Wenzl (Illustratoren Organisation e.V.) hat die Publikation zum Bereich des Bildes durchgesehen:

Die derzeitige Diskussion zur Leichten Sprache ist geprägt von der Idee informierender und didaktischer Vermittlung, da sie nach der Gesetzgebung bzw. den angestrebten Regelungen erfolgt. Diese sollen vor allem öffentliche Einrichtungen in die Lage versetzen, Inhalte angemessen zu vermitteln.

Alexander zeigt auf, dass es in den vorliegenden Regelwerken zur Leichten Sprache bisher kaum verbindliche Empfehlungen gibt. Aus ihnen lassen sich lediglich acht Hinweise zur Bildverwendung ableiten, die aber auch auf Probleme hinweisen. So wird z. B. dazu geraten, Bilder wiederholt einzusetzen, damit diese von der Zielgruppe »erlernt« werden können. Das kann aber nur gelingen, wenn die Bilder immer im gleichen Kontext verwendet werden.

Die vorliegenden Studien, einschließlich der sechs in Alexanders Publikation, sind noch zu vereinzelt und zu wenig an klaren Parametern orientiert, als dass sich valide Empfehlungen für die Verwendung einer bestimmten Bildart in bestimmten Kontexten ableiten ließen. Festgestellt wurde, dass Invarianten und Komplexitätsreduktion die Lesbarkeit von Bildern erleichtern. Auch sollten sich Bildinhalte nicht so sehr an Objekten, als vielmehr an Tätigkeiten orientieren. Sprache und Bild sollten sich ergänzen und aufeinander verweisen.

In Hinblick auf die Sprache-Bild-Beziehung unterscheidet sich Leichte Sprache von Standardsprache. In einer Studie wird vermutet, dass Leser der Leichten Sprache an begleitetes Lesen gewöhnt sind, also an Interaktionen, die anhand eines Textes erfolgen. Das lässt die These zu, dass Zugänglichkeit und Verständlichkeit durch den Einsatz aufeinander verweisender Medien noch besser noch besser erreicht werden könnten

Bilder machen sichtbar, sie können abbilden, zeigen und erzählen, dekorativ sein, Informationen vermitteln und zu einem Erkenntnisgewinn führen. Bilder können uns beeinflussen, etwas zu tun oder zu lassen. Sie können außerdem motivieren und die Aufmerksamkeit der Rezipienten halten oder auf etwas richten. Bilder tragen zur Erinnerung bei, wenn sie als inneres Bild wiederholt werden; die Aktivierung innerer Bilder trägt im Umkehrschluss zum Textverstehen bei. 

Bildkonzepte im Kontext Leichter Sprache sollten, wie in anderen Kontexten auch, individuell, konsistent und der Aufgabe wie der Zielgruppe angemessen sein.

Die Studien genauer zu lesen lohnt sich, auch wenn die klammernde Klebebindung zum Aufschlagen des Buches Gewalt braucht.

Dringend müsste in diesen Bereichen weiter geforscht werden. Die Bereitschaft hierzu wäre da, aber die nötigen finanziellen Mittel fließen wohl woanders hin.

Kerstin Alexander (Hrg.)
Mit Typografie und Bild barrierefrei kommunizieren 
Kommunikation – Partizipation – Inklusion 
Forschungsstand und Studien 
382 Seiten  
Broschur
ISBN 978-3-7329-0584-3 
49,80 Euro

»Kein Lehrbuch und kein Handbuch ersetzt die Notwendigkeit selbst zu denken«


Dieses Zitat von Andreas Uebele findet man in diesem Buch, gesetzt aus sehr großem Schriftgrad und noch gelb markiert. Zu Recht. Oft wäre es schön, wenn Typografie und Gestaltung funktionierten. Manchmal ist das lebenswichtig, beispielsweise in Krankenhäusern. Signaletik, also wegweisende visuelle Systeme, in Gesundheitsbauten müssen deshalb gleichermaßen exakt funktionieren für Besucher, Patienten und Mitarbeiter.

Hierzu hat Pia Denker einen Kriterienkatalog mit Entwurfshilfe aufgebaut. Vorbildlich klar gestaltet, informierend eingeführt, ist dies ein sehr brauchbares Kompendium. Nutzer erleben ein Gebäude vor allem durch das Leitsystem. In medizinischen Einrichtungen, die sehr komplex sind, können solche Systeme sogar lebensrettend sein.

In sieben Kapiteln führt Pia Denker durch das Thema. Neulinge werden in Geschichte und Gegenwart von Orientierungssystemen eingeführt. Wobei gleich betont wird, dass solche Aufträge nur mit Empathie erfolgreich sein können, die wiederum mit den einzelnen Wahrnehmungsbereichen zusammen hängen.

Im zweiten Kapitel geht es um die Besonderheiten der Anforderungen in einer medizinischen Großeinrichtung. Das reicht von den 66 Funktionsbereichen nach DIN 13080, verzahnt sich stark mit der Architektur, stellt die Informationsbereiche und Informationsebenen dar (Siehe Abbildung) und stellt zehn Thesen für ein gutes Klinikleitsystem zusammen.

Ab dem dritten Kapitel gibt es konkrete Handlungsempfehlungen. Zunächst zur Planung, dann zur äußerst wichtigen Analyse und Strategieentwicklung. Im fünften Kapitel geht es dann zu den Anforderungen an die Gestaltung. Natürlich spielt Barrierefreiheit eine sehr große Rolle, Aber es geht dann gleich ausführlich um die richtige Schrift, Erkennbarkeit, Lesbarkeit, wobei der Bezug zur DIN 1450 Leserlichkeit dominiert. Diese Norm ist übrigens auch wesentlich für die Website http://www.leserlich.info/ (lohnenswert, was immer man auch mit Typografie vor hat).

Visuelle Kontraste, Farbe und Piktogramme werden grundlegend behandelt, aber auch Maßverhältnisse und Positionen. Schließlich gibt es Basisempfehlungen zur Anordnung und Layout für Leitsysteme, Übersichtstafeln, Orientierungskarten, Raumbeschilderungen, Leitelemente und Gebäudebeschriftungen. Checklisten und Angaben zu den für diesen Bereich wichtigen Normen folgen.

Was mir an diesem Buch so besonders gefällt ist dass so viele Grundlagen von typografischen Funktionen angesprochen werden, die auch für so viele andere gestalterische Aufgaben sehr nützlich wären, falls man sie kennt und dann auch noch benützen würde.

Pia Denker
Signaletik in Gesundheitsbauten
Reihe Kriterienkatalog und Entwurfshilfe
128 Seiten
225 x 280 mm
Softcover
DOM Publisher Berlin 2020
38 Euro
ISBN 978-3-86922-208-0

Bosshards sechs Essays, unvergessen


Wieder gefunden und gelesen nach 14 Jahren: Denn das Buch hat kaum etwas an Aktualität verloren. Hans Rudolf Bosshards sechs Essays zu Typografie, Schrift und Lesbarkeit. Beim Verlag vergriffen, aber im Antiquariat leicht zu finden. Sechs Essays und damit sechs Argumente für das Buch. Die einzelnen Aufsätze kannte ich in ihrer ursprünglichen Form als Beiträge in der heute von mir sehr vermissten Schweizer Zeitschrift »Typografische Monatsblätter«. 

Hand Rudolf Bosshard: Typografie, Schrift, Lesbarkeit

1. Selten findet man eine so komprimierte und kluge Zusammenfassung über die Zusammenhänge von Lesbarkeit, Lesefreundlichkeit und typografische Gestaltung. Da spielt die Geschichte von Schrift und Buchgestaltung mit, sowie Sprache, Motivation, Umfeld und die Experimente in der Schriftgestaltung, Handschriften und die Gesetze der Wahrnehmung bis zum längst berühmten Beispiel über Schrift und Farbe werden wissend gestreift.

2. Anmerkungen zum Schriftschaffen seit 1945 (bis 1993). Da gab es zum Glück noch nicht so unendlich viele Schriften. Die wichtigen und brauchbaren sind hier besprochen, aber die lebendigen Klassiker ebenso.

3. Wahrnehmung und Lesbarkeit von Schrift im Stadtbild streift Geschäftsschilder im Stadtbild, geht vom 15. Jahrhundert aus, bespricht Klassiker der Moderne und endet um 1995. 

4. Die »Demontage der Regel« entstand zunächst als Vortrag für den Typotag 1993 in Zürich, der unter dem Thema »Russische und westeuropäische Typografie im Spannungsfeld« stand. Dazu gehören der Austausch in der Moderne der 20er und 30er Jahre via Lissitzky und Tschichold und der Unterschied der kyrillischen Minuskel und ihre Verwandtschaft zur lateinischen Schrift. Und am Schluß werden sieben Regeln zur Demontage aufgestellt, die ich jetzt nicht verrate.

5. Das Verhalten und Verhältnis zwischen Lehrer- und Schülertypografie  und was Regeln, Sehnsüchte oder Ängste damit zu tun haben.

6. Typografie und das kulturelle Umfeld oder wie man die Geschichte der Gegenwart aufnehmen kann oder könnte. Und gleichzeitig ein Streifzug in Themen der Kunst. Nachahmung und Original. Beispiele von Mallarmè bis zu Arbeiten Bosshards aus den achtziger und neunziger Jahren.

Und das sind nur einige der Themen.

Hans Rudolf Bosshard
Sechs Essays zu Typografie, Schrift und Lesbarkeit
194 Seiten mit 151 Abb. 
Hardcover mit Schutzumschlag  
Basel 1996 
ISBN  978-3-7212-0163-5  

Typografie und leichte Sprache


Typografie als Mittler zwischen Text / Sprache und dem Vorgang des Lesens ist für Typografen selbstverständlich. Typografie muss dabei funktionieren. Aber wie sieht Typografie für Menschen mit kognitiven Einschränkungen aus?

Seit 2019 gibt es im Deutschen Designtag auf Initiative von Boris Kochan eine Projektgruppe, die sich damit beschäftigt: die Projektgruppe »Inklusives Kommunikationsdesign« des Deutschen Designtags unter Leitung von Ulrike Borinski und Birgit Walter (beide Forum Typografie). Hier arbeiten zahlreiche tgm-Mitglieder mit. 

Anfang 2020 verkündete das Deutsche Institut für Normung (DIN) die Ausarbeitung eines DIN SPEC-Projektes zum Thema »Empfehlungen für Deutsche Leichte Sprache«. Den dazugehörigen Geschäftsplan hat der Deutsche Designtag kommentiert und kritisiert, dass unter den bisherigen Teilnehmern des Projekts weder Gestalterinnen oder Gestalter noch Experten für den Einsatz von Bildern sind. Deshalb entsandten die einschlägigen Verbände zur Mitarbeit:

  • Typographische Gesellschaft München (tgm), Rudolf Paulus Gorbach (Beirat);
  • Illustratoren Organisation Berlin (IO), Juliane Wenzl;
  • Allianz deutscher Designer (AGD), Sabina Sieghart;
  • Berufsverband der Deutschen Kommunikationsdesigner (BDG), Stefanie Ollenburg;
  • Forum Typografie (FT), Sonja Schultes,
  • Forum Typografie (FT), Prof. Monika Schnell;
  • Zentrum für Designforschung (HAW Hamburg), Tom Bieling.

Zunächst aber erst einmal, um was es im Projekt »Leichte Sprache« eigentlich geht. Sabina Sieghart schreibt darüber: »6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland haben Schwierigkeiten beim Lesen und Verstehen kurzer Texte (BMBF, 2019). In unserer literalen Gesellschaft ist Lesen eine Grundvoraussetzung, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Wenn wir über die Zukunft des Lesens nachdenken, stellt sich die Frage, was wir als Designer und Designforscher beitragen können, um das Lesen und Textverstehen für schwache Leser zu erleichtern. 

Seit einigen Jahren wird in der Praxis und auch in der Forschung das Phänomen Leichte Sprache diskutiert. Hauptdesiderat der Forschung ist dabei die empirische Überprüfung, der in der Praxis entwickelten Regeln der Vereinfachung. Die zentrale Frage ist dabei, wie verständlich Leichte Sprache für die Zielgruppe ist«.

Mit der ersten Konsortialsitzung wurde Rudolf Paulus Gorbach in den Beirat gewählt. Mit den entsandten Gestaltern entstand sofort eine Arbeitsgruppe, die auch beispielgebend für andere Interessengruppen des DIN-Projektes »Leichte Sprache« ist. 

In der Arbeitsgruppe arbeiten zusätzlich zu den Mitgliedern des Konsortiums am DIN SPEC mit:

  • Florian Adler,
  • Prof. Dr. Bettina Bock,
  • Ulrike Borinski,
  • Boris Kochan,
  • Torsten Meyer-Bogya,
  • Albert-Jan Pool,
  • Christoph Schall,
  • Birgit Walter,
  • Susanne Zippel.

Die Arbeitsgruppe »Typografie und leichte Sprache« möchte darauf einwirken, dass funktionierende Gestaltung für Text und Bild wirkungsvoll verwendet werden kann. Das heißt, dass Basis-Empfehlungen erarbeitet werden. Sobald die Aufgabe komplexer wird, ist es ratsam, eine im Thema einschlägige Gestalterin oder Gestalter zu beauftragen.

Was bis jetzt geschah, sind zahlreiche Sitzungen, viele informelle Überlegungen und ein intensiver Austausch zwischen den Teilnehmern der Arbeitsgruppe »Typografie und leichte Sprache« Sprache. Und in Arbeit ist jetzt eine umfassende Gliederung des ganzen Komplexes. Im übrigen sind viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei, die bereits in der Gruppe »Lesbar« aktiv sind. Vielleicht lohnen sich die theoretischen Erwägungen auch für eine bessere Gestaltung im Bereich der Leichten Sprache.

Extrabolder Streifzug


Im Vorwort zitiert Anita Kern Othmar Motter mit der »Würde der Grafiker der  Nachkriegsgeneration« und als »Geschichte eines Gestalterlebens«, das Kultur-, Wirtschafts- und Zeitgeschichte gleich mit erleben lässt. Motters Karriere war nicht nur österreichisch, sondern weltweit, vor allem mit seinen ziemlich auffälligen Schriften Tektura, Ombra, Corpus oder Femina. Als Gestalter dominierte er die Vorarlberger Textilbranche. 

Dieses Buch ist eine Forschungsarbeit, die Genauigkeit mit visuellem Anspruch verbindet, Theorie mit  praktischem Background, nennt das Anita Kern. Ihr Autor Elias Riedmann hat 2016 sein Studium in Wien abgeschlossen, offensichtlich im Design forschend. Eine sehr lesenswerte und informative Biografie führt in Motters Lebenswerk ein. Die besprochenen und abgebildeten Beispiele bestehen im Wesentlichen aus Motters Schriftschaffen und einer ungeheuren Anzahl an Logos. Da die Schriften fast immer besonders fett sind bekam Motter auch den Titel »Meister der Extrabold«. 

Forschungssystematik bei den Logos:

Im Buch sind die Beispiele auf den schlanken Seiten (harmonische klassische Proportion 2 : 3) sehr schön komponiert, Schrift und Typografie sind klar angewandt (außer dem nicht passenden Inhaltsverzeichnis). Die Vorarlberger Plakatbeispiele sind sogar auf Affichenoffsetpapier gedruckt. Über diese Plakate zitiert Peter Niedermair im Nachwort Reinhard Gassner: »Sie waren um Klassen besser und wirkungsmächtiger als alles, was heute so als Veranstaltungswerbung herumhängt (Messe Dornbirn eingeschlossen). Er hat die Dinge auf den Punkt gebracht …«. Da sind die wesentlich jüngeren Kollegen bisweilen anderer Meinung. Doch ist das Buch auch aufschlussreich über die Vorarlberger Grafikszene der zweiten Jahrhunderthälfte. 

Elias Riedmann  
Othmar Motter, Meister der Extrabold.
Ein Streifzug durch das Archiv der Vorarlberger Graphik
352 Seiten 
Mit 5 Motter-Fonts  
Festband
Triest Verlag Zürich 2019
ISBN 978-3-03863-033–3 47
47 Euro

 

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Drei große Typografen des 20. Jahrhunderts


Die großen Typografen des 20. Jahrhunderts sind für die heutige Typografie immer noch größtenteils maßgebend und sie werden vielfach zitiert. Drei solcher Beiträge hat Klaus Detjen in seiner Reihe »Ästhetik des Buches« zusammengestellt und herausgegeben. Und es sind tatsächlich ganz wesentliche Aufsätze von Stanley Morison, Eric Gill und Paul Renner.

Morison schreibt 1929 über die „Grundregeln der Buchtypographie“. Wie Ästhetik und Lesefunktion zusammenhängen und was nicht damit gemeint ist, gibt vielleicht schon wider:  »… daß der Druck von Büchern, die zum Lesen bestimmt sind, blendender Typographie wenig Spielraum bietet«. Insgesamt geht es Morison um die Gesetze, die für die Buchgestaltung maßgebend sind und das wird sehr detailliert behandelt. Das üppige Nachwort des Verfassers der Ausgabe von 1966, aus der diese Aufsätze stammen, geht intensiv auf das Zeitgeschehen in Politik, Kunst und Gesellschaft ein.

Eric Gills Beitrag von 1931 mit dem Titel »Typographie« befasst sich vor allem mit der Schrift, im Detail mit unserer drei Alphabete (Majuskeln, Minuskeln, Ziffern), wie sie zusammengefügt die Grundlage unserer Schrift bilden. Die Qualität von (Buchdruck)Typen und ihre diffizile Anwendung folgen in seiner Betrachtung. Industrielle Buchproduktion findet Gill abstoßend und für ihn gilt vor allem die künstlerische und handgemachte Arbeit.

Paul Renners Rede von 1947, in Lindau vor Verlegern und Buchhändlern gehalten, geht dagegen ganz pragmatisch und gut gegliedert auf die Möglichkeiten der Buchgestaltung ein. 

Das beginnt mit der Frage, was heute (1947) modern in der Buchgestaltung sei. Was das für ein modernes Buch samt seiner Lesbarkeit bedeutet kann man im Wesentlichen auch heute noch bestätigen. Gerade in der Nachkriegszeit war die Diskussion ob man in der Schriftwahl Antiqua oder Fraktur benützt, aus schmerzlichen Gründen wichtig geworden. Und genau so war in dieser Zeit erneut die Diskussion aufgekommen, ob man nicht alle Texte klein schreiben solle. Oder was Schreibweisen wie ph oder f beinhalten, wobei er eine vorsichtige Reform vorschlägt. Und schließlich geht er auf die Art, wie Bücher gestaltet werden sollten, besonders intensiv ein, spricht über moderne und unmoderne Textschriften, was die Typografie selbst für Bücher möglich machen kann, die Handlichkeit und das Format von Büchern (selbst die Laufrichtung des Papiers im Buch findet er im Vortrag erwähnenswert). Schließlich kommt auch noch das illustrierte Buch und sogar das Luxusbuch zur Sprache. Und werkbündlerisch folgt der Lohn der Arbeit, die dem Buchgestalter viel Freude und Befriedigung bringen kann; besser als der Lohn »den ihm das Finanzamt doch wieder abnimmt«, wenigstens zum Teil.

Alle drei Beiträge sind entnommen aus: »Typographie und Bibliophilie. Aufsätze und Vorträge über die Kunst des Buchdrucks aus zwei Jahrhunderten«. Ausgewählt und erläutert von Richard von Sichowsky und Hermann Tiemann. Maximilian-Gesellschaft Hamburg, 1971. Kleiner Tipp: Wer sich auch für die anderen Beiträge dieser Ausgabe interessiert, der kann den Band im Antiquariat noch immer recht günstig erwerben.

Typografen der Moderne 
Herausgegeben von Klaus Detjen
in der Reihe Ästhetik des Buches
Band 12
80 Seiten
Englische Broschur
Wallstein Verlag Göttingen 2020
14,90 €
ISBN 978-3-8353-3660-5

Das Schwarzdenker-Fest am 13. März 2020


An einem Freitag, dem 13., kurz bevor  die Ausgangsbeschränkungen wirksam wurden, war der „Geburtstermin“ des neuen Magazins Schwarzdenker, konzipiert und realisiert von Victoria Sarapina. Es nimmt sich die oft gar nicht so rosigen Bedingungen zum Thema, die der Berufstand der Kreativen so zu meistern hat. Über den Inhalt zu schreiben, wäre ein eigenes Thema. Schon alleine die Liste der prominenten Autoren ist beachtlich: Der bereits verstorbene Kurt Weidemann mit einem nachgelassenen Text, Prof. Olaf Leu, Dr. Hans Jürgen Escherle, Jost Hochuli und Herbert Lechner, um mit viel Mut zur Lücke nur fünf zu nennen. Wenn man das Heft in der Hand hat, merkt man, was gedruckte Medien alles an Vorzügen bietet: Schwarzer Umschlag, schwarzer Farbschnitt, sehr angenehme Haptik von Umschlag und Innenpapier, es blättert sich gut! Das Layout gut lesbar und vor allem gut gegliedert und ohne bemüht kreative Anwandlungen, aber voll mit liebevollen Details. Die gewählte Textschrift Fleischmann bringt neben ihrer guten Lesbarkeit auch das Quentchen Ausdruck und Individualität mit, das das Auge erfreut und bei allzu gebräuchlichen Schriften vermisst.

Der Abend selbst fand nicht wie angekündigt in der Designschule München, sondern rasch improvisiert in den Räumen der SBS Systemberatung in der Blutenburgstraße statt: In einem der Situation geschuldeten, etwas vermindertem Umfang wurde eifrig sich mit Ellbogen begrüßt (was man damals noch durfte). Extra gekommen waren die bereits erwähnten Olaf Leu und Hans Jürgen Escherle, die nach Begrüßung und Vorstellung des Heftes durch Herausgeberin Victoria Sarapina  über Achsenzeit (Karl Jaspers) und Gespenster (Karl Marx) sprachen, und dabei viel Substanz boten, mehr als an so einem Fest zu erwarten wäre.

Allen Anwesenden, zum Großteil am Heft Beteiligte, merkte man die Begeisterung für das fertige Produkt an. Von der (kleinen) Auflage von 500 Stück sind noch Exemplare über www.schwarzdenker.com zu erwerben. Des öfteren wurde in den angeregten Gesprächen der Wunsch geäussert, der Einzelausgabe weitere Ausgaben folgen zu lassen – man darf gespannt sein, was passiert.

Text: Michael Lang
Fotos: Peer Koop und Victoria Sarapina


Dreschers einzigartiger Plakatstil


Wir wissen, dass die traditionelle Technik des Buchdrucks in der DDR viel länger als im Westen existierte. Das wurde eigentlich auf den wirschaftlichen Mangel bezogen, erweist sich heute aber durchaus auch als Vorteil. In der Plakatgestaltung gilt deshalb Karl-Heinz Drescher als Beispiel. Plakate im Hochdruck, meistens zweifarbig, von den Plakatschriften gedruckt mit allen Vor- und Nachteilen, nach denen sich heute Anhänger von Pressendrucken oder der Schwarzen Kunst so sehnen.

Bei slanted erschien nun ein sehr schön gestaltetes Buch über das Werk von Karl-Heinz Drescher. Papierwahl und Gestaltung (mit einigen Ausnahmen) passen hervorragend zum Thema. Dreschers Plakate sind informierend, gestalterisch eher rückwärtsbezogen, aber das wiederum in einer erfrischenden Art. Es sind keine Kopien älterer Anschläge, beziehen sich aber darauf. Er war fester Mitarbeiter im Theater am Schiffbauerndamm und hat damit auch das Erbe Berthold Brechts erweitert. Im Buch selbst kommt Drescher (1936 – 2011) mit verschiedenen Themen zu Wort. Einzelne Beiträge streifen die Plakatgestaltung, aber auch die Kultur der DDR, wobei Sylke Wunderlichs kenntnisreiche Artikel zum gesamten Plakatschaffen der DDR hervorstechen. Drescher hat aber nicht nur für das Theater am Schiffbauerndamm gearbeitet, sondern Serien von Plakaten entstanden für die Akademie der Künste der DDR oder dem BAT – Arbeiter und Studententheater. 

Die sehr ansprechende Publikation hat leider ein paar Probleme. Typografie, die lesen behindert, ist zynisch. Das trifft hier zum Glück nur auf einen kleinen Bereich zu. Aber die Biografien auf den breiten Umschlagklappen sind von der Schriftwahl und Laufweite unlesbar. Biografien (ab Seite 250) in kleinem Schriftgrad in hellem Rot zu drucken zeugt von Ignoranz jeglicher Lesbarkeitsforschung. Schreibmaschinenschrift für die Bildlegenden und Interviews bleiben unbefriedigend für den Leser. Das mag zwar zur Gestaltung des Buches passen, kann aber nicht zugemutet werden. Sehr schade für das sonst so gut editiertes und gestaltetes Buchprojekt.

Markus Lange (Hrsg.)
K. H. Drescher Berlin Typo Posters
Mit Beiträgen von Renè Grohnert, Friedrich Dieckmann, Sylke Wunderlich, Peter Kammerer, Niklaus Troxler, Helene WeigelGötz Gramlich, Jamie Murphy, Erik Spiekermann / Ferdinand Ulrich, Gerd Fleischmann und zahlreichen Interviews
19,5 × 26,5 × 2,5 cm
272 Seiten
Englisch, Deutsch
Schweizer Broschur
Slanted Publishers, Karlsruhe 2020
ISBN: 978-3-948440-00-8
40 Euro
https://www.slanted.de/karl-heinz-drescher

Plakate 1983 und 1980
Plakate 1987, 1985, 1986, 1990 und 1984
Plakate 1098 und 1987
Plakate 1969 und 1978