Von der toten Davidstadt über lebendige Via Dolorosa zur Grabeskirche

Das Österreichische Hospiz, in dem die allermeisten übernachten, liegt mitten in der Altstadt und ist eine wunderbare Oase der Ruhe, etwas burgartig gebaut. Frühmorgens hört man die Hähne krähen oder den Muezzin rufen, je nach Lage des Zimmers.

 

Morgens brechen wir zu Fuß auf zur Davidsstadt, vorbei an der Klagemauer und durch Sicherheitskontrollen darumherum, hinunter in das Kidron-Tal und wieder hinauf (diese kleine Fleißaufgabe hat sich unser Reiseleiter Ittai Tamari ausgedacht, weil wir sonst zu früh bei der Ausgrabung gewesen wären).

Die Davidsstadt ist der älteste Teil Jerusalems, der Überlieferung nach war hier die Stadt Zion der Kanaaniter, die David erobert und zu seiner Hauptstadt gemacht hat (Jerusalem ist also die Tochter Zions, für die Weihnachtsliedkenner). Ob man dabei den Palast König Davids schon gefunden hat: vielleicht, vielleicht auch nicht. Diese Erkenntnis wird vermittelt in einer mehr als ausführlichen Führung und mit einem aufwendigen 3D-Film, der offenbar gemacht ist für Touristen, die schwer von Gehör und von Begriff sind (und die Landkarten offenbar besser verstehen, wenn Städtenamen in 3D darüberschweben).

Nach den toten Steinen tauchen wir ein in das lebendige (mittlerweile erwachte) Jerusalem.  Die Via Dolorosa führt durch das Gewimmel der Altstadt, durch das arabische und christliche Viertel hindurch, von Pontius Pilatus (bzw. seinem Palast) zur Grabeskirche.

Die Idee der Kreuzwegstationen kommt aus Italien und wurde dann im 18. Jahrhundert von den Franziskanern an den vermeintlichen Original­schauplatz in Jerusalem gebracht, doch die Stadt ist in den letzten 2000 Jahren mindestens zweimal zerstört worden, und das heutige Straßenniveau liegt etwa 15m höher als damals. Der Weg, der direkt an unserem Hospiz vorbeiführt, ist ein großer Markt, auf dem natürlich auch Pilgerdevotionalien verkauft werden, z.B. Dornenkronen und mannshohe Kreuze zur realistischeren Ausgestaltung bei der Nachahmung des Kreuzweges.

Durch eine äthiopische Kapelle hindurch, die wir gewissermaßen als Abkürzung nehmen, gelangen wir vor die Grabeskirche. Hier trennt sich die Gruppe bis zum Nachmittag. Wir besichtigen die Grabeskirche: Ein Labyrinth in vielen Stilen, ein unübersichtliches Über‑ und Durcheinander verschiedener Kapellen vieler christlicher Konfessionen, die teilweise miteinander im Streit liegen. Eine ausgebrannte Kapelle kann nicht renoviert werden, weil andere den Zugang für Bauarbeiten verweigern. Übrigens, der Schlüssel zur Grabeskirche wird von einem Muslim verwahrt; die Vertreter der christlichen Konfessionen vertrauen sich untereinander nicht.

 

Klagemauer, auch unterirdisch 

Gestärkt von Granatapfelsaft und Falafel ziehen wir uns in unser Hospiz zurück und genießen dort Kaffee auf einem der Türmchen mit schönem Blick über die Altstadt. Unser Versuch, das armenische Viertel zu besuchen, scheitert im Gassengewirr am Zeitmangel, denn wir treffen die ganze Gruppe wieder pünktlich an der Klagemauer. Diese ist die einzige verbliebene Originalmauer des herodianischen Tempels, der im Jahr 69 nach unserer Zeitrechnung zerstört wurde. Im Laufe der Zeit (wir hätten gern selbst eine genauere Angabe) hat sich das Ritual entwickelt, Zettelchen mit Wünschen und Gebeten in die Mauerritzen zu stecken. Frauen und Männer haben getrennte Mauerteile, der größere Männerteil setzt sich unterirdisch fort: der Mauerrest ist noch wesentlich länger, aber von der Altstadt überbaut.

Wir besichtigen diesen überbauten Mauerreste des Tempels und gehen unterirdisch auf der Straße aus herodianischer Zeit an der Mauer entlang; auch hier stecken überall Zettelchen, und an der Stelle, die dem früheren Allerheiligesten des Tempels am nächsten liegt, ist eine kleine Gebetsnische eingerichtet.

 

Nationalbibliothek und »Ein Karem«

In der Nähe des Löwentors kommen wir wieder an die Oberfläche und werden von unserem Busfahrer abgeholt, der uns zur Nationalbibilothek bringt. Man zeigt uns die Bibliothek des Kabbala-Forschers Gershom Scholem, die er der National­bibliothek vermacht hat, alte Landkarten von Jerusalem, außerdem uralte Manuskripte und wie sie hier bearbeitet und ediert werden.

Wer einen kleinen Einblick gewinnen möchte, sei auf »Digitalized Manuscripts« hingewiesen. Der lange Tag neigt sich dem Ende, dunkel ist es längst (etwa ab 17­.00 Uhr um diese Jahreszeit), für den Abend ist noch ein kleiner Einblick in die libanesiche Küche vorgesehen. Wie das gestrige Lokal hat auch das Restaurant »Ein Karen« eigentlich geschlossen, aber für uns wird mit spürbarer Begeisterung gekocht, sehr gut und sehr viel. So müssen nun die Eindrücke auf Geist, Seele und Leib verarbeitet werden, bevor sie am nächsten Tag erweitert werden.