Einige Jahrbücher zum Buchwesen haben zum Glück überlebt und erfreuen uns durch sehr gute und spannende wissenschaftliche Beiträge sowohl historischer Art als auch unmittelbar aus der Gegenwart des Büchergestaltens. Ich stelle hier »Imprimatur« vor, das die Gesellschaft der Bibliophilen seit 1930 herausgibt. Dahinter verbergen sich große Namen der Buchgeschichte wie die Herausgeber·innen Siegfried Buchenau, Heinz Sarkowski, Georg Ramsegger oder Eva Hanebutt-Benz und in jüngerer Zeit vor allem Ute Schneider.

Das generelle Thema des aktuellen Bandes »Das gebrauchte Buch« geht tief in die Buchgeschichte ein, wobei Schwerpunkte vor allem in den letzten Jahrhunderten liegen. Das Thema ist zudem aktuell, wenn man die Diskussion um den heutigen Antiquariatsbuchhandel oder gar Medimops mit einbezieht. 12 reich illustrierte wissenschaftliche Beiträge enthalten ein breites Themenspektrum aus der Welt der Buchkultur.

So berichtet Albrecht Götz von Olenhusen über das Sammeln von Raubdrucken, die um 1960 erst unbemerkt auftraten, Schwarz- und Raubdrucke der neuen Linken, die dann heftigen Widerspruch in der Verlagswelt erfuhren. Zunächst ging es um schwer oder nicht zu besorgende wichtige Ausgaben, wild gestaltet, aus der Geschichte des Klassenbewußtseins, Dialektik der Aufklärung, Zeitschrift für Sozialforschung. Für die Sammlung der Raubdrucke nennt Olenhusen vor allem die damaligen Initiatoren: die Bibliothekarin Christa Gnirß und den Antiquar und Redakteur des SWF Bernhard W. Wette. Die subversiven Produkte wurden vor allem in den neuen linken Buchhandlungen geführt.

Raubdrucke von Bernd Engelmann, Günter Wallraff 1973, Wilhelm Reich 1969

Julia Bangert schreibt über Kauf und Vermittlung gebrauchter Bücher über die Agenten Herzog Augusts d.J. (1579 bis 1666). Herzog August hatte dank seiner Macht und des Vermögens insgesamt zu 28 Agenten Kontakt, die für ihn wertvolle gelehrte Bücher besorgten. Diese suchten bei Buchhändlern, Druckern und anderen Quellen, machten dem Auftraggeber Berichte und Angebote. Wie das alles ablief, Erwerb, Bezahlung, Transport und Rückgaberechte wird hier anhand von Quellen beschrieben.

Mona Garloff befasst sich mit der Entstehung des Antiquariatsbuchhandels anfangs des 18. Jahrhunderts, zeigt hier auch die ersten Buchkataloge (was typografisch besonders interessant ist).

Und ein besonders üppiger Beitrag von Sabine Knopf stellt Ansichtswerke aus fünf Jahrhunderten vor, von Schedels Weltchronik bis Meyers Universum.Hier sind es besonders Bildwerke, wobei Kupferstich und Stahlstich eine dominante Rolle einnehmen.

Bild Doppelseite 140, 141

Gestaltung und Satz des Buches sind sehr sorgfältig (Michael Hempel, München), gut lesbar aus der Schrift TheAntiqua gesetzt (der Schriftmischung hätte es eigentlich nicht bedurft). Das Bildlayout wirkt klar und trotzdem lebendig, alles hervorragend gedruckt und gebunden. Doch frage ich mich, ob die Zielgruppe der Bibliophilen mit dem allzu glatt gestrichenen Inhaltspapier richtig gewürdigt wird und ob die Tonflächen in der sonst sehr guten Typografie nicht überflüssig sind?
Trotzdem, ein sehr erfreuliches Buch.

Imprimatur 27
Herausgegeben von Ute Schneider / Gesellschaft der Bibliophilen
320 Seiten
Halblederband
Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2021
ISBN: 978-3-447-11638-1
110 EURO
https://bibliophilie.de/imprimatur/