Bibliosculpture nennt Ingo Gerken eine Reihe von Arbeiten, die offene Buch- oder Magazinseiten zeigen. Diese werden mit Gegenständen ergänzt und fotografiert und damit zu einem neuen Kunstwerk. Das ist aber nur das technisch-organisatorische Prinzip.

»Ein Gemälde von Theo van Doesburg 1883_1931 zeigt eine Reihe von schwarzen Quadraten, die progressiv größer werden. Diese Reihe wird durch die Platzierung eines quadratischen Buches mit schwarzer Rückseite als Verlängerung der Reihe fortgesetzt«, schreibt Eva May im Text und nennt das eine Bibliosculpture im Wortsinn. Der Bezug zur öffentlichen Bibliothek wird in den Objekten Gerkens virtuell. Mit der fotografischen Aufnahme ist der künstlerische Prozess beendet. 

Die Bibliosculptures werden im Buch kunstheoretisch begleitet, vor allem im Essay von Wolfgang Ulrich »Ein zweites Leben«. Er weist auf die lebensnahen Gegenstände hin, die Gerken auf die eher »lebensferne« Kunstabbildungen legt. Dabei sind sie keine »Rache des kleinen Mannes an großen Kunstwerken … sind humorvoll, poetisch, raffiniert«. Ulrich vergeicht Gerken mit Hackern oder der Praxis des Adbustings. Schließlich entsteht aus dieses zeitlich begrenzten Arbeiten im Zusammenhang etwas Neues, eine neue Bedeutung.

Die Nähe zur Praxis des grafischen Gestaltens, bzw. deren Erweiterung macht diese Arbeiten besonders reizvoll. 55 Bibliosculptures wurden für das vorliegende Buch ausgewählt und abgebildet.

Ingo Gerken
Offenes Buch
Texte von Eva May und Wolfgang Ullrich
Herausgegeben vom Kunstverein Ingolstadt
164 Seiten mit 80 Abbildungen
Hardcover
225 x 285 mm
40 Euro
Hatje Cantz Verlag, Berlin 2022
ISBN 978-3-7757-5161-2