Boris Kochan begrüßt 2022 auf der Granshan-Konferenz

Der Berg Ararat war das beherrschende Motiv des Bühnenhintergrunds. Dieses armenische Wahrzeichen verwies auf den Beginn des Granshan-Projektes, das sich mit „nicht-lateinischen“ Schriften beschäftigt (zu den Anführungszeichen später mehr). Dessen Beginn resultiert nämlich aus einer längst legendär gewordenen Studienreise der tgm nach Armenien. Der damalige tgm-Vorsitzende Boris Kochan war Mitinitiator der Idee, international Schriftgestaltern eine Bühne zu geben, die sich mit Schriften ihres Kulturraums beschäftigen – ursprünglich dabei waren armenische und kyrillische, inzwischen sind indische, koreanische, thailändische, arabische, hebräische, etc. Schriften einbezogen. Die Idee lebt und wurde im Rahmen der diesjährigen MCBW und endlich wieder in Präsenz (aber auch hybrid, weil simultan übertragen) als „Signs of the times“-Konferenz abgehalten. Boris Kochan, Präsident der GRANSHAN Foundation e.V. (Granshan bedeutet übriges „Schriftzeichen“ auf armenisch) begrüßte die Teilnehmer im gut gefüllten Saal des Literaturhauses in München, verwies auf diese Vorgeschichte und dankte nicht nur den angereisten Teilnehmern, sondern auch den Sponsoren, unter ihnen erfreulicher- und bezeichnenderweise Google als größtem.

Den ersten Tag, das TypeTech MeetUp 2.0, hatten Veronika Burjan und Oliver Linke zusammengestellt. Dieser sollte sich mehr den technischen Fragen widmen und so folgte in dichter Reihe Vortrag auf Vortrag:

Bianca Berning von PixelFix stellte eine Fonttechnologie vor, die entlang dreier Gestaltungsachsen die Modifizierung von „Variable Fonts“ ermöglicht, bei sehr guter Bildschirmdarstellung und einem geringen Aufwand bei Problemfällen nacharbeiten zu müssen. Ihre Beispiele waren aus lateinischen Schriften gewählt und so stellte sie selbst die Frage, ob es auch bei weniger klaren Schriftformen funktioniert.

Abeera Kamran, Referentin aus Pakistan

Abeera Kamran, Grafik-Designerin aus Pakistan, stellte die Schriftform Nasta-liq vor. Die Sprache Urdu wird vor allem in Pakistan und Indien von 292 Mio. (!) Menschen gesprochen, davon sind circa 62 Mio. muttersprachlich, und mit perso-arabischen Schriften geschrieben, Nasta-liq ist eine der Schriften, mit der man Urdu schreiben kann – wenn man es denn will: denn hier tun sich auch politische Gräben zwischen Volksgruppen auf. Diesen politischen Implikationen (destinction on script) von kultureller Zuordnung über Schrift sind nur nachzuvollziehen, wenn man auch die Zuordnung von Volksgruppen in Pakistan oder auch Indien kennt. Einfacher zu verstehen waren die von ihr ebenfalls angesprochenen technischen Probleme bei der Softwareverwendung: Eine Schrift, die eine Wortgliederung nach oben und unten (ähnlich sehr großen Ober- und Unterlängen) hat, lässt sich sehr schlecht mit den waagrecht aufpoppenden Lesefenstern der meisten Softwareanwendungen vereinbaren!

Der nächste Sprecher, Luke Prowse, referierte für den Berichterstatter weit nachvollziehbarer unter dem Motto „I don‘t know, what I‘am doing“ über seinen gefühlt chaotischen Berufsweg und die vielen wegweisenden, immer sehr innovativen Projekte, die diesen Weg pflasterten. Sein Lieblingswort war „… it was a complete desaster!“ und im Erinnerung blieb mir sein sehr witzig gemachter Multiple Font für Costa Coffee.

Luke Prowse, " it was a complete disaster!"
Luke Prowse

So Hyun Bae, aus Korea stammende Gestalterin, leitete ihren Beitrag „Between Hangul und Latin“ damit ein, dass sie – wohl den beruflichen Stationen ihrer Eltern folgend – das Vergnügen hatte, in einem Jahr dreimal die dritte Klasse besuchen zu müssen, und zwar in Korea, Frankreich und den USA. Verwirrt durch die vielen Möglichkeiten, z.B. im Französisch den o-Laut darzustellen, begann sie mit der Buchstabenanordnung häufig vorkommendeer Kurzwörter zu spielen und sie in blockhafte Anordnungen zu bringen – Schriftlinie ist nicht alles! Zudem hat sie ein Tool entwickelt, gleichzeitig in drei Sprachen zu schreiben – abgeschaut der Sprechpraxis, die sich mit ihrem Bruder in ihrer multi-lingualen Familie entwickelt hatte.

Fast schon trocken war dann der folgende Beitrag von Octavio Pardo, der sich mit der Lesbarkeit von Schwarz und Weiß und der dazu notwendigen Klarheit von Glyphenformen beschäftigte, ein im Ansatz sehr tiefgehender Beitrag – mit einem wenig überraschende Ergebnis: breitlaufende Grotesk-Schriften sind am lesbarsten.

Professor Chang-Sik-Kim während seines Vortrags

Chang Sik Kim, Professor aus San José, Kalifornien, stellte koreanische Schriftgestalter vor und referierte über die Entwicklung der koreanischen Schrift, die in bewusster Abgrenzung zur chinesischen Schrift entstanden war. Der 50. Jahrestag der Entdeckung der Bangudae-Felszeichnungen in archäologische Fundstätte ist hier Quelle für ganz frühe Zeichenformen, die in einer Poster-Ausstellung für das Ulsan Hangeul Hanmadang Arts Festival von Kalligrafen aufgegriffen und interpretiert wurden – ganz im Sinne des in der Einleitung zur Konferenz erwähnten Gedankens der „living human treasures“, der im Gegensatz zur musealen Konservierung und Bewahrung einen lebendigen Gebrauch fordert und fördert.

Doug Wilson wurde zugeschaltet (die Produkte seines Projektes liefen während der Pausen auf der Leinwand) und berichtete über ein die Digitalisierung von Image- und Lehrfilmen, die in gar nicht geringer Zahl von Druckereien, Satz- und Satzmaschinenherstellern im 20. Jahrhundert erstellt worden waren: Diese – oft zwar sehr nostalgisch anmutenden – Streifen sind von großem Interesse zum Verständnis der Technik. Und zu finden unter PrintingFilms.com. Ebenso sind Hinweise auf neues Material erwünscht!

Lynne Yun von Space Type zeigte bewegte Buchstabenformen, die mit Distorsion und Nutzung von Algorhythmen eine Form von „generated typography“ zeigten.

Die Paneldiskussion, mit drei der Sprecherinnen (Abeera Kamran, Elena Beveratou, Liana Shushanyan) live auf der Bühne und weiteren mittels Video zugeschaltet und moderiert von Gerry Leonidas, widmete sich der Problemstellung, dass die Benennung des Granshan-Projektes als „non-latin“ zwar eine Verbesserung gegenüber älteren Bezeichnungen ist, die diese Schriften als „exotisch“ oder „orientalisch“ bezeichneten. Sie ist aber immer noch – durch die Verneinung und damit Primärsetzung – problematisch. Die Teilnehmerinnen sahen das aber überwiegend nicht so. Im Gegenteil, da ihnen lateinische Schriften vor allem „anglo-centric“ begegnen und benannt werden, fällt diesmal aus unserer Sicht quasi der gesamte romanisch-germanische Schriftraum weg!

Rainer Erich Scheichelbauer, als Fotograf und Philiosoph ein so selbst bezeichneter Quereinsteiger berichtete über die Möglichkeiten von ColourFonts, den Stand der Technik von ColRv1 in Glyphs, bevor Elena Ramirez, spanische Designerin, zu ziemlich fortgeschrittener Stunde über die Mythen der web-Typografie sprach.

Letzte Sprecherin war dann Nadine Chahine, die leider etwas schnell über ihr Projekt CEDAR+ informierte. Es ist ein neues System, um Schriften beschreiben zu können. Hochinteressant und sehr zukunftweisend, könnte es eine neue, weniger historisch basierte Schriftenklassifikation begründen. Boris Kochan kam dann zum Schlusswort für den ersten Tag und rief alle Beteiligten zu einem großen Gruppenbild auf die Bühne. Großer Applaus der sehr konzentrierten Zuhörerschaft!

Die Referenten von GRANSHAN 2022 beim Gruppenfoto