Einige Stufen weiter als die tägliche Praxis des Gestalters geht es in dem Buch »Entschlüsselung der Bilder«, herausgegeben von Thomas Petersen und Clemens Schwender. In der gut erläuternden Einleitung wird der Bogen der Kommunikationswissenschaft zu Emil Dovifat und Elisabeth Noelle-Neumann gezogen und wie sich die Theorien zwischen einzelnen Disziplinen entwickelten. Das Problem mit den Bildern wird erst einmal deutlich mit einem zu bekannten Spruch: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Und die Herausgeber fügen dazu: Doch wir wissen nicht welche. Visuelle und verbale Kanäle sind aber grundsätzlich unterschiedlich. Bezweifelt wird auch ob Bilder in ihrer heutigen Dominanz in den Massenmedien tatsächlich eine größere Rolle spielen als in Zeiten der sparsam illustrierten früheren Printmedien.

 

Ikonografie und Ikonologie erforschen Bildinhalte. Die Methoden sind in der Kunstgeschichte längst üblich, werden hier jedoch von Marion Müller für das moderne Bild eindrücklich beschrieben. Wie stark die Bilder im Prozess der Bildkommunikation beeinflusst werden geht in einer ikonologischen Kontextanalyse hervor. Die beteiligten Akteure wie Berater, Strategen, Abgebildete, Bildproduzenten, Medienbetriebe und der Bildrezipient selektieren, interpretieren, reduzieren, konstruieren die zu untersuchenden Inhalte. Beobachter erster Ordnung wie der Fotograf treffen eine Vorentscheidung, die der Rezipient als Beobachter »zweiter Ordnung« zu sehen bekommt. Gewichtungsstrukuren auf den Seiten sind wohl auch kompliziert. Jedenfalls kann es nach Blickaufzeichnungen durchaus sein, dass Headlines mehr Aufmerksamkeit anziehen als Bilder.

 

Für Gestalter von »starren« Bildern, also das was in Printmedien vor allem verwendet wird, dürfte ein Blick in das Kapitel »Bewegtbildanalyse« aufschlussreich sein. Weitgehend methodisch standarisiert werden Kamerastandpunkt, Einstellungsgrößen, Kameraperspektiven, Einstellungsdauer, deren Übergang, Kamera, Blickwinkel, Bewegung an sich und die der Kamera sowie das Schnittprotokoll dargestellt.

 

Das Pressebild ist bereits verhältnismäßig gut erforscht.  Hier finden sich Beiträge zur Inhaltsanalyse, zur Bildtypenanalyse. Begleittexte werden untersucht und schließlich werden differente Forschungsmethoden beschrieben.

Unter dem Kapitel der Laborstudien dürfte für Gestalter die genaue Beschreibung der Methoden des Eyetracking besonders interessant sein. Sicher muss man auch dessen Ergebnisse sorgfältig auswerten, denn Blickverlauf und Blickdauer sind nur ein Teil für die Ermittlung der Aufmerksamkeit beispielsweise einer Zeitungsseite oder einer Website.

Das Buch ist besonders für jene empfehlenswert, die mehr oder überhaupt etwas über die Methoden der Bildforschung wissen wollen. Übrigens ist das Buch sorgfältig gesetzt und gut lesbar, was im Wissenschaftsbuch leider nicht mehr selbstverständlich ist. Wäre der Rücken gerundet und kein Kastenband, hätten die Funktionen auch noch ein zusätzliches Plus.

 

Thomas Petersen, Clemens Schwender (Hrsg.)

Die Entschlüsselung der Bilder

Methoden zur Erforschung visueller Kommunikation.

504 Seiten, Ganzpappband,

Herbert von Halem Verlag, Köln

36 Euro

ISBN 978-3-86962-043-5