Immer sind, wenn Typografen reisen, auch Besuche in Bibliotheken dabei. Ich denke da an Exkursionen der tgm. Da ist zunächst das Interesse an der Dichte des Gedruckten, aber auch die Freude und der Respekt an Kulturbauten speziell für das Buch. Das zeigt sich bereits in der Faszination an schönen Buchhandlungen (tgm-Blog vom 26. August 2020).

Philosophischer Saal, Kloster Strahov, 1797, Prag (Tschechische Republik). Foto Archiv rpg

Über Internationale Bibliotheken von der Antike bis heute hat die wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) eine erweiterte Ausgabe herausgebracht. Erweitert, weil es eine Vorläuferausgabe 2013 beim Verlag von dem Knesebeck gab. Die Originalaugabe erschien im übrigen bei Thames and Hudson in London. Dieser Verlag steht schon seit Jahrzehnten für gut gemachte meistens großformatigere Text-Bild-Bücher (oder sind es Bild-Text-Bücher?), die gewöhnlich als Lizenzausgaben in anderen Ländern übersetzt werden und erscheinen.

Die Gestaltung dieses Buches bemüht sich um einen Lesefluss, einer Einheit von Text und Bild, was manchmal nicht ganz gelingt. Denn die Dominanz der hervorragenden Fotografien weist den Text etwas zurück in bestehenden Lücken. Das stimmt natürlich so nicht. Denn die »Lücken« sind sorgfältig geplante Bereiche für den Text in dieser Art Buchtyp. Die Typografie ist zurückhaltend, dem Leser geneigt (2 1/2 Spalten, Flattersatz, angenehm mattes Papier).

Die Hauptkapitel des Buches sind historisch eingeteilt. Es beginnt bei Bibliotheken der antiken Welt und endet mit Bibliotheken im elektronische Zeitalter. Der Autor James Campbell, Architekt und Architekturhistoriker, hat mit dem Fotograf Will Pryce 82 Bibliotheken weltweit besucht. In alle Epochen führt der Autor individuell ein und beschreibt die einzelnen Bibliotheken höchst differenziert.

Im Kapitel über die Bibliotheken des 19. Jahrhunderts mit dem Titel: »Eiserne Magazine, Gaslampen, Zettelkasten« werden beispielsweise erst die zeitbedingten Umstände gespiegelt. Wer leistet sich eine Bibliothek, welche Architekten werden beauftragt, was sind die Kapazitäten einer Bibliothek, wie wird die Ausstattung und Finanzierung geregelt oder wie funktioniert Beleuchtung und Heizung. Äußerlich gleichen die Bauten im 19. Jahrhundert noch denen der früheren Jahrhunderte mit der grossen Saalbibliothek. Aber es ändern sich Nutzer und Ansprüche. Private Sammler waren wie früher oft entscheidend für Sammlungen, die später öffentlich wurden. Der aufkommende Klassizismus in der Architektur wurde als Gebäudetyp prägend. Anhand der Bibliotheken von Pannonhalma in Ungarn der Assemblée Nationale Paris und der Finnischen Nationalbibliothek werden diese Bibliotheken prototypische beschrieben, wobei andere Bibliotheken der Zeit ebenso vorgestellt werden wie Sainte Geneviève in Paris, Library of Congress in Washington oder Fisher Fine Arts Library Pennsylvania, um nur einige zu nennen. Das ist nicht nur eine Architekturgeschichte sondern eine Sozialgeschichte der Zeit. Und die Lektüre ist vergnüglich, da man so viel über die Bibliotheken und ihre inhaltliche Ambiente erfährt, auch wenn man selbst schon einzelnen Bibliotheken gesehen hat. Die hervorragende Fotografie ergänzt das natürlich. 

James W. P. Campbell
Bibliotheken; von der Antike bis heute
328 Seiten
300 Farbabbildungen
Halbleinenband
Wissenschaftliche Buchgesellschaft (wbg), Darmstadt 2021
ISBN 978-3-534-27383-6
60 Euro

Bibliothek Stift Admont (Österreich), 1776. Foto Will Pryce
Codrington Library, Oxfort (Großbritannien), 1751. Foto Will Pryce
Tripitaka Koreana, 1251. Haeinsa-Tempel (Südkorea). Foto Will Pryce
Chinesische Nationalbibliothek, Peking (China), 2008. Foto Will Pryce