Luxus Brut


Eine Schrift von Roland Hörmann
Heike Rost

2001 zieht Roland Hörmann in Wien um; in seiner neuen Nachbarschaft: Die Buchbinderei Spath – gegründet 1888. Der elegant geschwungene Schriftzug fesselt den Art Director, die Idee zu einer neuen Schrift hat hier ihre Wurzeln. »In Wien kann es schwer fallen, seinen Blick von Hausfassaden und Schildern zu lösen«, berichtet Hörmann. Gefährliches Stolperpflaster für die Abgelenkten, Ideengeber für die anderen. Und die überall in Wien verstreuten Luxus-Tags, die »jeder Wiener kennt«, ergänzen die Idee. Eine Form der Fassadenkalligraphie, der »jungen Brut«, wird so zum Namensgeber der entworfenen Schrift : Für eine Weile bleibt Roland Hörmanns Idee in der Schublade. Dann entsteht zwischen Schriftlaborworkshops, der Beschäftigung mit OpenType und viel Learning by doing die Schrift »Luxus Brut«.

»Luxus Brut« ist eine verbundene Skriptschrift, deren Versalglyphen eine zweite Grundlinie für sich beanspruchen. Mit einem Neigungswinkel von 22° schwingen dynamische, kopflastige Versalien in individuellem Rhythmus – eine Formensprache, die eigentlich in den 40er bis 50 Jahren ihren Ursprung hat. In unterschiedlichen Skizzen entwickelte Hörmann mehrere Schlüsselglyphen; die Buchstaben F, H, M und R spiegeln sowohl die lineare Stämme der Type als auch den Fluss einer menschlichen Handschrift. Aus ihnen leitete Hörmann die Gestaltung aller Buchstaben des Alphabets ab; sein wichtigster Lerneffekt für Hörmann während der gesamten Schrift-Entwicklung: Die sparsame Anwendung von OpenType-Features – und viel Manufaktur.

Prominente Anwendungsbeispiele für die Luxus Brut: Mehrere Cover des LOVE-Magazins. Eine Ausgabe der australischen Vogue.  Das Parfum »Gorgeous«. Ein Virginia-Woolff-Buchcover für den Penguin Verlag. Und eine nichtpapierene Version – Hörmanns Liebling unter den Anwendungsbeispielen: Eine Leuchtschrift am Wiener Flughafen: Das Café Don schmückt sich mit »Luxus Brut« in Neon. Pink.

Foto: © Michael Bundscherer

#qved – Jeremy Leslie: The Magaziner


Samstag, 23. Februar 2013
Ine Ilg

Jeremy Leslie liebt Magazine seit seinen Jugendjahren. Bereits mit 16 produziert er ein Music-Fanzine (1977), noch bevor er beginnt, in London Grafikdesign zu studieren. Magazine gestaltet er seit Mitte der 80er Jahre, zu seinen ersten Kunden zählen Blitz, The Guardian, das WAVE Magazine u.a. Bis heute leitete er die Editorial-Design-Teams von rund 40 Magazin-Projekten, ist Autor von Büchern über Editorial-Design und einer der Initiatoren von Colophon, einer Plattform für Independent Magazine. Seine mittlerweile 25jährige Erfahrung im Editorial Design hat er nun mit der Gründung seines eigenen Studios magCulture gebündelt. Er gestaltet, berät, spricht auf Konferenzen, kuratiert, schreibt Bücher und bloggt auf  magculture, der zu einer wesentlichen und inspirierenden Quelle für Editorial-Designer geworden ist.

»A magazine is something you can stick a DVD on the front of and charge £ 5,99 for it.« Jeremy Leslie weiß, welch vielfältige Rollen Magazine spielen, was ein Magazin ausmacht: Es hat körperliche Eigenschaften, ist berührter, riechbar, ist konkret. Für die meisten Menschen dient es zur Unterhaltung, zur Ablenkung vom Alltag. Für andere ist es eine lebendige Quelle von Informationen und Meinungen. Ein Magazin veröffentlicht Wissen, teilt Erfahrungen. Diese vertrauliche Einbeziehung in Inhalte, Geschichten und Fakten ist es auch, die ihn beim Editorial Design so fasziniert. Ein Magazin kann Themen sehr individuell darstellen, kann geschichtliche, politische, soziale und kulturelle Aspekte in den Vordergrund stellen. Und Magazine lassen den Leser ganz wunderbar in andere Welten eintauchen, in denen sie sich verlieren können. Was eine ungeheure Kraft vermittelt.

Zu all diesen Wesenszügen der Magazinwelt zeigt Jeremy Leslie Magazine, Cover und Innenseiten, die er vorbildlich oder aufregend findet. Port ist dabei, das Musik-Mode-Kulturmagazin The Face, Bloombergs Businessweek, Esquire, das Flug-Magazin Carlos. Ungewöhnliche Formate gibt es da wie einen Magazinwürfel aus einzelnen Faltblättern, ein T-Shirt-Magazin, vorne Bild, hinten Story. Das Magazin Gentlewoman findet er herausragend, da es Althergebrachtes auf den Kopf stellt.

»Zeitschriften faszinieren durch ihre organische Natur. Anders als Bücher oder andere Publikationen verändern sie sich mit jeder Ausgabe.« Und sie verändern unsere Weltsicht, sind Vorreiter, prägen. Das beweist das every-day-life-interiors-magazine apartamento bereits zum zweiten Mal an diesem Konferenztag.

Fotos: © Peer Koop

#qved – Mario Lombardo: Forget Fear!


Samstag, 23. Februar 2013
Ine Ilg

»Man muß sich verabschieden, um Neues zu beginnen, neue Wege zu gehen.« Diesem Lebensmotto folgt Mario Lombardo seit er begann, sich mit Grafikdesign auseinanderzusetzen. Nach dem Studium, beeinflusst von Vorbildern wie Peter Saville und Dieter Rams, von Zeitschriften wie Tempo und The Face, nach Mitarbeit beim Büro X, gründete er sein eigenes Büro und erregte schnell öffentliche Aufmerksamkeit durch seinen Job als Art Director bei Spex (2001 – 2005).

Er schaffte es, in einer Woche ein Magazin zu machen, »ohne sich und andere zu verheizen«, dabei eine eigenständige, erkennbare, intelligente Handschrift zu entwickeln, die nie langweilte, immer wieder überraschte.

Die Arbeiten des »Leaders of the Year 2008« stehen oft im kulturellen Kontext, er gestaltet für Museen und Ausstellungen wie die Berlin Biennale, aber auch für kommerzielle Auftraggeber wie das KaDeWe und Wempe.

»Forget Fear.« Fürchte Dich nicht davor, etwas anders zu machen, zu polarisieren, Diskussionen auszulösen. Mario Lombardo berichtet aus eigener Erfahrung: Beim Logodesign für die Ausstellung Vertrautes Terrain des ZKM Karlsruhe 2008 wurden ihm für seinen »amputierten Bundesadler« faschistoide Tendenzen vorgeworfen.

»Es geht darum, Sachen aus der Mitte rauszubewegen, Grenzen auszuloten, nicht nur im Layout, sondern auch auf einer metaphorischen Ebene.« In diesem Sinne entwickelte Mario Lombardo mit seinem Team für die 7. Berlin Biennale eine ungewöhnliche Kampagne: Mit – wie kann es anders sein – vom eigenen Team handgemalten, agitativ anmutenden Schaufensterparolen erzeugt er beim Betrachter brisante Bilder. Parolen, Aufrufe, Sprüche in schlichtem Weiß, vor herablaufender Farbe triefend, sind im visuellen Spannungsfeld historischer Nazischmierereien auf Schaufenstern einerseits und moderner Graffiti-Statements andererseits im ersten Moment schwer einzuordnen und erregen damit Aufsehen, Wahrnehmung und Auseinandersetzung.

Mario Lombardo spielt meisterhaft mir gelernten Wahrnehmungs- und Bildbewertungsstrukturen und lässt so das Publikum innehalten und aufhorchen getreu seinem Motto »Get involved, take position, make demands.«

#qved – Pierre Thomé: Drawing is thinking


Samstag, 23. Februar 2013
Ine Ilg

»Illustration ist die Kunst, das Unsichtbare darzustellen. Sie ist keine Dekoration, kein Lückenfüller. Sie erzählt Geschichte und bildet das Weltbild.« Diese klare Botschaft resultiert aus dem reichen Erfahrungsschatz des Illustrators Pierre Thomé. Als ehemaliger Student von Heinz Edelmann an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, als Gründer des Comic Art Magazins Strapazin (1984), und als Illustrator mit langjähriger, breitgefächerter Erfahrung in der Gestaltung von Magazinen, Zeitschriften, Kinder-, Sach- und Lehrbüchern, Film- und Animationsprojekten, konzentriert sich Pierre Thomé seit 2002 auf die Lehre.

Von einem Workshop in Neu-Delhi und der Begegnung mit Bootsbauern bringt er wertvolle Impulse mit: »Practice every day, teach whoever wants to learn, don’t strive for fame and money…« Mit dieser Mission »macht« der Illustrator Thomé in der Schweiz an der Hochschule Luzern Studenten zu Illustratoren. Sein Ziel ist es, kreative Persönlichkeiten (her-)auszubilden, die auf ihre ganz individuelle Art Geschichten erzählen, eine eigene Stimme finden. Dem »undisziplinierten Haufen« in Freiheit die Disziplin beizubringen, den Betrachter nicht aus den Augen zu verlieren, ihn ernst zu nehmen, sich bewusst zu sein, dass die eigenen Werke das Weltbild bilden.

Wie man das im realen Leben lernen kann, zeigt Thomé mit Studentenarbeiten im Film Type Reality Show, der endet in einer Hommage an Jim Jarmusch’s Night on Earth-Episode in New York: Zum unverkennbaren Sound der New Yorker Straßenszene werden neue Bilder aus spielerisch animierten Lettern geschaffen, die die bekannte, schräge Szene anders erzählen und zum Schmunzeln anregen.

Es gibt keinen leeren Raum, keine leere Zeit, es gibt immer etwas zu entdecken. »Drawing is thinking.« Essentiell ist es zu lernen, mit dem Bleistift zu denken.

Fotos: © Kathrin Schäfer

#qved – Lucie Heselich: Leute machen Kleider


Samstag, 23. Februar 2013
Ine Ilg

Auch München mischt kräftig mit in der Welt des angesagten Editorial Designs: Mit ihrem DIY-Magazin CUT stellte die Münchner Grafikdesignerin Lucie Heselich ein Magazin aus dem Hause independent medien-design vor, das den Zeitgeist mit gestaltet, anstatt ihm zu folgen. Seit 2009 erscheint 2 x jährlich ein »kleiner dicker Brummer« (O-Ton Heselich) mit rund 140 Seiten namens CUT, der die gewohnte Welt verkehrt. Nach Ihrer Arbeit im Corporate Publishing für produzierende Unternehmen wie Leica, Siemens und Vitra oder Verlage wie Callwey und GU gestaltet sie nun für eine Leserschaft, die selbst produziert: Do It Yourself, Leute machen Kleider.

Eine Plattform der Selbermacher, ein Forum für Do-it-Yourself-Märkte, das sie zusammen mit Marta Olesniewicz ins Leben gerufen hat. »Wir fanden die gängigen Handarbeitsmagazine abschreckend und wollten das alte Handarbeitsimage entstauben.« Hochwertig aber nicht hochnäsig, handgemacht, aber nicht gebastelt erzählen die Münchnerinnen Geschichten über das Selbermachen, über Läden, Städte, prominente Kleiderschränke und Wissenswertes aus der Modegeschichte und enthüllen mit Making-of-Stories, Schnittmustern und Anleitungen ihr Insiderwissen einem breiten Publikum. Dank der Überredungskünste von CUT-Herausgeber und qved-Kurator Horst Moser hat Lucie Heselich es auch den Konferenzteilnehmern verraten.

Fotos: © Annika Lundkvist

#qved – Richard Turley: Ich bin der Hammer


Samstag, 23. Februar 2013
Ine Ilg

Aus dem reichhaltigen Umfeld weltweiter Wirtschaftskrisen schöpft Richard Turley von Bloomberg Businessweek, das qved-Kurator Horst Moser als »das zur Zeit sensationellste Wirtschaftsmagazin« ankündigt. Das ehemals als BusinessWeek bekannte Magazin wurde 2009 von Bloomberg gekauft, der Agentur für Wirtschaftsinformationen, die weltweit Entscheidern Informationen, Analysen, News und Insidertipps liefert. Turley wurde von Bloomberg 2010 als Creative Director aus London geholt, wo er rund ein Jahrzehnt lang als Art Director beim Guardian wirkte. Davor arbeitete er als Senior Designer am vielfach ausgezeichneten Re-Design der Zeitung.

Turley ist der 2. Referent in der Konferenz, der trotz seiner Aversion gegen öffentliche Vorträge nach München gereist war. »I hate giving talks.« Und: »Ich bin der Hammer.« Und »I’m stuck. So welcome to my therapy session.« Darin zeigt er mit einem überquellenden Fundus von Covers und Magazinseiten, dass Raster und Regeln dazu da sind, aufgebrochen zu werden durch anregend tabulosen Umgang mit der kompletten visuellen Klaviatur, mit Texten, Infografiken, Illustrationen und Bildern. »Ein Cover muss Gefühle auslösen, fühlbar sein.«

Produziert wird Bloomberg Businessweek innerhalb einer Woche, für die Gestaltung bleiben so nur zwei bis drei Tage. Mit einem Team von 15 Mitarbeitern ist er für diese Aufgabe gut aufgestellt. Ganz bewusst wechseln Aufgaben und Zuständigkeiten, damit möglichst viele Stimmen und Ausdrucksformen sichtbar werden. »Wenn Du genau hinschaust, sind Design und Typo sehr formal und langweilig. Helvetica und eine Menge strenger Raster und Regeln.« Turley sorgt dafür, dass diese Ordnung aufgebrochen wird und seine Mitarbeiter ihre individuelle Identität einfließen lassen.

Am meisten Gefallen hat er deshalb an den Ausgaben, bei denen der normale Produktionsprozess über den Haufen geworfen wird, das Magazin in irgendeiner Weise neu erfunden wird. Aktuell am besten findet er die Election Issue vom Oktober 2012. Auf dem Titelmotiv formieren sich unzählige punktgroße Menschen aus der Vogelperspektive in einem rotgerahmten Feld zu einem Kreuzchen auf dem Wahlschein. So beeindrucken Turley’s Titel- und Magazinseiten ausnahmslos mit einer explosiven Mischung von brisanten Schlagzeilen, intelligenten Beiträgen und ständig neuen Design-Experimenten. Titel für Titel eröffnet sich damit eine neue Sicht der Welt.

Seine solchermaßen fesselnde Cover-Session beendet er abrupt mit der Frage »Can I go now?« und verlässt die beeindruckt klatschenden Zuhörer. Therapie: erfolgreich.

Fotos: © Annika Lundkvist

#qved – Omar Sosa: Home Sweet Home


Samstag, 23. Februar 2013
Ine Ilg

Mit der Vorstellung seines every day life interiors magazine namens apartamento demonstrierte gleich zu Beginn Omar Sosa aus Barcelona eine Haltung, die im Grunde allen Vortragenden gemeinsam war: Zu einem favorisierten Thema eine eigenständige Meinung bilden, öffentlich und leidenschaftlich äußern und damit aktiv unser aller Leben mitgestalten.

Omar Sosa, Art Director, Verleger und Grafikdesigner, arbeitete mit Albert Folch an Editorial Design-Projekten und Magazinen wie Metal, Kilimanjaro und am mehrfach ausgezeichneten Fanzine 137. Mit apartamento begann Sosa 2008 zusammen mit seinem Partner Nacho Alegre, Interior Design ganz anders zu publizieren. »Uns fehlten Anzeichen menschlichen Lebens in den gängigen Darstellungen und Publikationen. Gleichzeitig fanden wir belebte Szenen sehr aufregend.« apartamento sollte deshalb eine Entdeckungsreise zu Menschen in ihrem individuell und unkonventionell eingerichteten Umfeld werden. Sollte zeigen, dass ein wirklicher Lebensraum durch Lebensspuren entsteht, nicht durch Dekoration.

Die Erstauflage von 5.000 Exemplaren war schnell vergriffen. Seither hat der Zuspruch stetig zugenommen: 2010 wurde das Magazin mit dem angesehenen D&AD Yellow Pencil Award ausgezeichnet als bestes Magazin. Und heute wird apartamento mit einer gesteigerten Auflage von 36.000 produziert.

»Für viele Menschen ist es eine fast abstrakte Idee, zuhause glücklich zu sein, etwas, das sie sich nicht vorstellen können, bis es auf der Must-Have-Liste eines Meinungsmachers oder in einem Magazin erscheint.« Die Bilder in apartamento sind deshalb nicht beschönigt und wirken dadurch sehr intim und authentisch. Bücherstapel, Wäsche, Alltagsspuren bleiben wahrnehmbar und lassen ein Gefühl von Zuhause und Wohlfühlen aufkommen. Geschichten von Menschen und deren Lebensentwürfen spiegeln sich im Charme authentischer, nicht inszenierter Wohnlandschaften. In einer Zeit des digitalen Überflusses gewährt apartamento inspirierende Einblicke ins reale, prall gefüllte, herrlich unordentliche, menschlich unperfekte, unkonventionelle, authentische Leben.

Home Sweet Home.

Fotos: © Annika Lundkvist

Typotag 2013 – UEBER||QUELLEN


Ine Ilg

Prof. Michael Stoll: »Wer nichts weiß, muss alles glauben«
Der unermüdliche Sammler und Forscher sieht die Geschichte der Infografik als Rüstzeug für die Visualisierung komplexer Zusammenhänge und erläutert diese anhand von geschichtlichen Fakten und unzähligen Ausstellungstafeln, die die Wände der übervollen Konferenzhalle säumen und die Zuhörer umrahmen. Stoll, Professor für Medientheorie und Infografik an der Hochschule Augsburg und international gefragter und engagierter Experte, betrachtet Infografiken als Werkzeuge des Denkens, mit Steigbügelfunktion für das Verständnis innerer Zusammenhänge komplexer Sachverhalte.

Jan Schwochow: »Wahrheitsfindung im Datendschungel«
Der Infografiker, Journalist und leidenschaftliche Rechercheur zeigt, wie zeitaufwändig das Visual Storytelling ist und welch vielfältige Kompetenzen es erfordert: Recherchieren, Organisieren, Gestalten, Texten, Programmieren und, und, und. Diesen Erfahrungsschatz hat sich Schwochow, der heute die vielfach ausgezeichnete Berliner Agentur Golden Section Graphics leitet, in den letzten 20 Jahren in unzähligen Projekten erworben, darunter Informationsdesign für Magazine wie Stern und Focus und für Verlage wie die Milchstraße. Eine intensive thematische Auseinandersetzung und eine gründliche Recherche hält er dabei für essentiell. Um möglichst früh involviert sein, geht er deshalb bspw. schon mal mit auf eine Ausgrabung und entdeckt selbst Fundstücke. Mit dieser Erfahrung lassen sich Daten später absolut anschaulich, begreifbar und glaubwürdig darstellen. Und mit solcher Art erlangtem, grundlegendem Wissen lässt sich das Ergebnis, die Infografik, bestens verifizieren. Getreu seiner Überzeugung: »Das eigene Gehirn ist das beste Tool.«

Stefan Fichtel: »Nichts ist wie es scheint«
Mit beinahe kriminologischer Präzision entlarvt der Infografik-Experte Stefan Fichtel beispielhaft einige verfälschte Darstellungen und weist damit auf den politischen, meinungsbildenden Aspekt von Informationsdesign hin. Verantwortungsbewusstsein bei der Darstellung von Werten und Präzision bei der Übersetzung von Daten in Grafiken hält er deshalb für absolut unerlässlich. Fichtel ist Geschäftsführer und Creative Director der Berliner Agentur ixtract und arbeitet mir seinem Team für Kunden wie National Geographic, Siemens, das Handelsblatt oder den WWF. Für letztere hat er auf der Grundlage von 4.000.000 Werten eine eindrucksvolle Visualisierung zur Überfischung der Weltmeere geschaffen. Die Herausforderung bei dieser animierten Infografik sieht er darin, »die Augen zu öffnen und ein vermeintliches Low-Interest-Thema auf den ersten Blick in seiner ganzen Tragweite erfahrbar zu machen.« Damit es scheint, wie es ist.

Carlo Zapponi: »It’s a lot of fun«
Carlo Zapponi liebt es, die Welt zu beobachten, in Daten zu stöbern, im Alltäglichen Interessantes, Inspirierendes zu entdecken, das er auf seiner Website makinguse.com veröffentlicht. Der Informationsdesigner, vormals bei frogdesign als Senior Design Technologist und aktuell bei Nokia verantwortlich für Datenvisualisierung, verwandelt Unmengen von Verbraucherdaten in beeindruckend lebendige Daten-Stories. Diese generiert er einerseits durch eine kraftvolle metaphorische Bildsprache, andererseits durch ansprechende und verständliche Online-Tools, die es dem User ermöglichen, Daten ohne Umschweife zu verstehen, sie in den richtigen Kontext einzuordnen, selbstständig Muster, Trends und Beziehungen zu erkennen. So bietet er bspw. mit dem Projekt »Un mare di…tweet« auf makinguse.com ein spezielles Tool zur Beobachtung der aktuellen Parlamentswahl in Italien: Twitter als Meer, Tweets als Wellen in unterschiedlichen Ausmaßen dargestellt, zeigen in Echtzeit Tendenzen in der Bewertung einzelner Kandidaten. Und dass Zapponi eine Menge Spaß beim Visualisieren der Daten hatte.

Moritz Stefaner: »Think about Framing«
Der Interfacedesigner und selbst ernannte »trooth and beauty operator« interessiert sich für Informationsästhetik, interaktive Datenvisualisierung und wie das Web unsere Wahrnehmung von Information und damit unsere Sicht der Welt verändert. Den Datenkontext als Bezugsrahmen einer Infografik hält er für die Kamera des Betrachters, die es zu hinterfragen gilt: Welche Datensätze wurden wie ausgewertet, welche Informationen wurden weggelassen. Stefaner arbeitet freischaffend für Kunden wie OECD, World Economic Forum, Skype, dpa, FIFA, und die Max Planck Gesellschaft. Als sein »momentan spannendstes Projekt« stellt er das Daten-Kunst-Projekt emoto vor, das Resonanz und Reaktionen auf die Olympischen Spiele 2012 in London thematisiert. Wie schon bei Zapponis Visualisierung »Un mare di…tweet« dient auch hier Twitter als Quelle für ein Online-Emotionsbarometer, das Stefaner gleichzeitig in Frage stellt: Findet hier nicht auch eine Verfälschung durch Datenauswahl statt, kann Twitter überhaupt die Welt repräsentieren? Mit seinen Projektpartnern Drew Hemmend und Studio NAND transformiert Stefaner die emoto-Daten schließlich auch noch in eine dreidimensionale Datenskulptur, eine in Holz gefräste Emotionslandschaft und schafft damit nochmals eine neue Sicht der Welt.

Benjamin Wiederkehr: »Mensch als Mittelpunkt«
Wiederkehr ist Gründungspartner und Geschäftsführer von Interactive Things, ein auf User Experience Design und Datenvisualisierung spezialisiertes Design- und Technologie- Studio, das er 2010 in Zürich zusammen mit Christian Siegrist und Jeremy Stucki gründete. Der Interaktions-Designer bezeichnet sich als »human-centered« und möchte mit Daten und Fakten visuelle Geschichten erzählen. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie explizit eine Visualisierung sein muss, um den Betrachter berühren zu können, was umgekehrt abstrakte Darstellungen vermitteln können, und ob Visualisierungen überhaupt berühren müssen, um aussagekräftig zu sein: »Die besten Geschichten können auf einen einzigen Gedanken reduziert werden.« In seinem Projekt Ville Vivante für die Stadt Genf visualisiert er die dynamische Dimension der Stadt anhand digitaler Spuren, die mobile Telefonverbindungen generieren. Die aufgezeichneten Ströme liefern gebündelte Hinweise auf bspw. Verkehrsstaus, Nachtleben, beliebte und belebte Plätze. Der Puls der Stadt wird animiert durch ihre Bewohner, eben human-centered.

Andreas Uebele: »Ich glaube an die Schönheit«
Der Stuttgarter Professor für Kommunikationsdesign, studierter Architekt, entwirft seit 1996 unzählige Aufmerksamkeit erregende, vielfach ausgezeichnete Orientierungssysteme und ist bekannt als Autor von Büchern über Orientierung und Signaletik. Der humorvoll seinen Dialekt zelebrierende Schwabe gibt in einem Schnelldurchlauf Einblick in seine wichtigsten Arbeiten und hinter die Kulissen, begleitet von Anekdoten, z.B. über den Entstehungsprozess der typografischen Deckenskulptur in der Tübinger Mensa: Der Philosoph Böhringer hatte hierfür die rätselhaft-tiefsinnigen Worte »hin und wieder aber dennoch« kreiert. Uebele verkaufte sie dem Kunden als Spiegelung studentischen Laisser-Faire-Verhaltens. Böhringer fand hingegen, wie sich später herausstellte, einfach den Klang der Worte schön … Jüngst hat Uebele mit seiner – aktuell 10 Köpfe umfassenden – »süddeutschen Rasterfraktion« für das adidas design center ein Orientierungssystem geschaffen, das aus gewohnt plakativen, raumhohen Lettern besteht, die sich durch Multiplikation und Überlagerung scheinbar durch die Räume bewegen. Im Anschluss an den Vortrag holt er hierfür am selben Abend in München den renommierten if-design-Award in Gold ab.

Claudius Lazzeroni: »whothefuckwantstoknowallthatshit«
Der Vortragstitel Lazzeronis kann sich allenfalls auf die bereits von mehreren Referenten zitierte Krise der generativen Gestalter beziehen, denn seine Berichte über die Erforschung der »Dramaturgie des Zwischenraums« und die Vorstellung konkreter Studienprojekte sind außerordentlich spannend. Lazzeroni ist seit 1999 Professor für Interfacedesign an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Der Fotograf und Mediendesigner war zuvor u.a. als Creative Director bei Pixelpark für Unternehmen wie Oetker, Langnese und Mannesmann zuständig. Mit seinen Studenten versucht er, das Erleben von Raum und Zeit hautnah wiederzuentdecken, und diese Erfahrungen in Informationsgestaltung zu übersetzen. So werden bspw. Klangformen generiert und dann in Bilder übersetzt, Informationen auf einem täglich zurückgelegten Weg gesammelt, geordnet und in Form einer mehrschichtigen visuellen Partitur dargestellt. Fundstücke werden von unterschiedlichsten Orten zusammengetragen und mit dem Klang ihres Fundortes kombiniert und ausgestellt. Alltägliche Informationen werden so mit geänderter Sicht wahrgenommen, werden bedeutungsvoll, bieten reelle Bezüge. Das Ergebnis sind Produkte, die Information in einen anderen Kontext stellen und eine synästhetische Wahrnehmung schaffen. Oder sogar Produkte, die Verhalten verändern oder umkehren, wie eine Lampe, die man, weil sie sich immer wieder selbst ausschaltet, um Licht bitten muss. Mit der Schlussbemerkung »Ich denke, wir machen einfach weiter« schließt Lazzeroni die Reihe der Vorträge des Typotags 2013. Von einer Krise keine Spur.

Fotos: © Michael Bundscherer (Flickr), Michael Schmidt

Streifzüge ins Neben.


Zu Joseph Beuys und Anselm Kiefer nach Paris.
Von Gabriele Werner

Da geht’s los: Regen. Regen. Betonskelette ruckeln an den Fenstern der Vorortbahn vorbei, aufgelassene Fabriken, rostendes Eisen, Hochhäuser. Das Leben in Paris-Pantin prägen Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Armut. Ausgerechnet hier hat Thaddaeus Ropac das Traumareal für seine neue (monumentale) Dependance gefunden, eine ehemalige Kesselfabrik umgestaltet zu 2.000 qm Ausstellungsfläche auf 4.700 qm Grund. Alles mega. Blendend weiß fräst die Umfriedung Schneisen ins triste Vorstadtgrau, zwingt den Blick auf Hinweisschilder: cimetière, crématorium, centre de la danse. Es sind schon andere hier. Es werden weitere kommen.

Unter Riesen
Auch die Künstler – Giganten: a.) Anselm Kiefer, b.) Joseph Beuys. Die Vernissage – ein (gewaltiger) Erfolg, sogar die Vogue publiziert Bilder (von den Promigästen natürlich). Bin wegen b.) da. Schlag’ mich also am neuverlegten Rasen vorbei hinüber zu »Iphigenie«. Himmel! Da steht ein Pferd in der Ecke auf sauberem Stroh, ein stoischer Schimmel mit frisch gestriegelter Mähne! Dazu die Filmdokumentation der damaligen Aktion. 1969, Frankfurt, Akademie der Darstellenden Künste, Aufruhr. Beuys rezitiert Fragmente aus Shakespeares »Titus Andronicus« und Goethes »Iphigenie auf Tauris«, schlägt die Becken, legt sich Eisenstücke auf den Kopf. Im Hintergrund frisst ein Schimmel gelassen Heu. Ich, Iphigenie. Die Requisiten liegen jetzt hier in sauberen Vitrinen, die Becken, der Stab, das Manuskript. »Sind das Devotionalien geworden?« durchfährt mich ein Schreck. Derweilen das Pferd (das lebt ja!) die Gäste fasziniert. Die meisten Smartphone-Fotos dürften den schönen Schimmel zeigen. Das nenne ich Marketing!

Drüben bei Kiefer, »die Ungeborenen«: Gewaltige Formate für die monumentalen Räume gemacht, (künstliche) Embryonen in laternenartigen Gefäßen (ganz schön) in Lebenswasser drapiert, (reichlich) Sonnenblumen, Blei, Schwefel, Salz – mit Material wird nicht gespart. »Der Golem«, »Die bösen Mütter«, »Mutterkorn« oder »Onan« lassen keine Frage offen. Aber ich bin ja wegen b) da. Und Paul Celan ist mir halt anders nah.

Wir fahren nach Marais zur seit heute kleinen Schwester der Galerie Ropac: »Materialität« und »Hirschdenkmäler« von Joseph Beuys. Judith Haeusler hat sogar an die Metro-Tickets gedacht. Wir schlendern über Kopfsteinpflaster, an Obstläden vorbei, der Regen lässt nach. Jetzt bin ich wirklich in Paris. In der Galerie steure ich das Souterrain an. Da sind sie: Die kleinen Formate, die zarten Zeichnungen, die Zauberformeln, die Spuren des Gebrauchs. Mehr muss nicht sein. Gibt es aber doch: Einen Spaziergang durchs jüdische Viertel, ein Abendessen in einer gemütlichen Brasserie, einen großzügigen Schluck ehrlichen Weißens: »Auf Judith, die das alles so super hingekriegt hat.«

Die Frage nach dem Monumentalen
Am Montag scheint die Sonne, der Himmel ist blau. Wir treffen uns in der Galerie Thaddaeus Ropac in Pantin. Der Typografischen (Topofische? Tipopacische Gefell.) Gesellschaft München ist es gelungen, eine exklusive Führung (dt.) durch die Kiefer-und Beuys-Ausstellung zu organisieren.

Über dem Areal schwebt noch der Glanz einer glücklichen Nacht. Die schmalen Birken nehmen Kontakt mit dem Umspannungswerk gegenüber auf, das feine Pflaster wird gekehrt, ein paar Interviews müssen noch in den Kasten. Es ist still.

Wir gehen in die »Kiefer-Hallen«, die sich – heute beinahe menschenleer – hoch und leicht über die gigantischen Formate wölben. Sonst: Die Führung war wirklich hervorragend.

Drüben, bei Beuys, erwartet uns Jörg Schellmann, Kurator der Ausstellung, Wegbegleiter Beuys. Zum Auftakt wirft er uns Fragen zu, wer die Typografische Gesellschaft sei, welche Ideen und Interessen sie verfolge, was deren Auftrag sei undsofort. Boris Kochan holt aus, läuft warm, das könnte interessant werden. Wird es auch. Von Judith freundlich vorgewarnt, vermeiden wir das Thema »Fett«, aber alles andere kommt zum Gespräch, die Eigenschaften von Filz, Eisen, Kupfer, Honig, dämpfende, leitende, kühlende, wärmende Qualitäten, das braune und das blaue Kreuz, die Stempel, die Doppelobjekte, die Aufführung der »Iphigenie« in Frankfurt, der Skandal in München, als die Galerie Schellmann & Klüser mit Joseph Beuys das Environment »Zeige deine Wunde« im Kunstforum, Maximilianstraße zeigt, »den teuersten Sperrmüll aller Zeiten«. Ab und zu macht sich das schöne Pferd (»ist dressiert, nicht sediert«) ziemlich geräuschvoll bemerkbar – der Hirten-, Bischofs-, der Schamanenstab, die Fischerweste, – die anberaumte Stunde hat sich längst verdoppelt. Wir (meint: er) sprechen über das Monumentale in der Kunst, »für Beuys war das keine Frage des Formats«. Jörg Schellmann führt uns zu »Badewanne für eine Heldin«, die in zwei schmale Hände passt. Eine (kleine) Skulptur, Holz, Eisen, die (kleine) Wanne, ein Tauchsieder. Fertig.

Jetzt wär’ ein Kaffee gut. Wir finden eine Brasserie, schnell werden die Tische zusammen gerückt, es wird gegessen, getrunken, wohl jeder fühlt sich reich beschenkt. Auch von Anselm Kiefer (aber darüber mögen Geeignetere erzählen). Die meisten nehmen die Einladung von Anette Lenz zu einem Atelierbesuch an (der, wie man hörte, anregend und herzlich war und von einem grandiosen Abendessen gekrönt wurde). Mano und ich müssen noch eine Präsentation vorbereiten, entdecken den plüschigen Rahmen für unsere Arbeit in einer winzigen Seitenstraße – aber das ist eine andere Geschichte.

Unter wilden Tieren
Metrofahren macht wach. Am Dienstag Vormittag treffen wir uns im Musée de la Chasse et de la Nature, das Jagdmuseum der Metropole (Rue des Archives – weil das wirklich ein Geheimtipp ist). Denn, mal ehrlich: Wer würde bei seinem Paristripp auf die Idee kommen, ausgerechnet das Jagdmuseum zu besuchen? Die Typografische Gesellschaft. Sie weiß, dass hier Berend Hoekstra und Hilarius Hofstede, (ab spätestens jetzt auch unter ihrem Künstlerduo-Namen »Polynesian Instant Geography«, kurz P.I.G. bekannt) kuratiert von Jan Teunen, eine phänomenale, irritierende, sur/reale Ausstellung zu Wege gebracht haben. In der ständigen Sammlung hängt das Wilde, unbändig Freie ausgestopft, für die Ewigkeit präpariert an der Wand, steht stumm auf stabilen Sockeln, spiegeln Gemälde, Skizzen die Rituale der Jagd. Die Räume widmen sich einzelnen Themen; der Hirsch, der Hund, die Waffen, die Trophäen, die Vorbereitung des Essens, der Speiseraum… Zwischen die Exponate des Museums haben Künstler ihre Werke geschoben, Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen. Die fangen das Gespräch an, der Leuchter mit dem Falken, der Waldgott mit dem Hirschgeweih, der Braunbär mit der blauen Ziege, das wilde Leben mit dem Tod. Nahrung. Im Speisesaal biegt sich der zentrale Tisch unter Bergen üppig lehmiger Lappen, sie tragen feine Damenschuhe. »Essen Sie in Deutschland auch Schweinefüße?«, fragt die Führerin, die uns durch die Räume begleitet.

Trödeln im letzten Raum. Der Abschied steht schon Neben an. Ich könnte wirklich weiterstreifen. Das waren gute Tage. Danke dafür.