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Bauhaus – Eine Einführung in sechs Gewerke
2009 wird das Bauhaus 90 Jahre alt. Grund genug für die tgm, sich in ihrer Vortragsreihe 2008/2009 mit dem Thema zu befassen. Diesmal gab es dazu am 6. Oktober 2008 auch eine Einführungsveranstaltung. Die Begründung dafür lieferte der erste Vorsitzende der tgm, Boris Kochan, bei seinen Begrüßungsworten: Das Bauhaus sei eine so vielschichtig wirksame Schule und eine so grundlegende (neue) Art, Gestaltung zu denken gewesen, dass es trotz der kurzen Zeit seines Bestehens eine enorme Faszination entwickelt habe. Bis heute würden Ideen, die im Bauhaus entstanden, umgesetzt. Jedem sei es ein Begriff, doch auch Fachleute stoßen immer wieder an Wissenslücken.
Bevor also die einzelnen Referenten der tgm-Vorträge sich mit den Einflüssen des Bauhauses auseinandersetzten, wäre es sinnvoll, sich erst mal mit den ursprünglichen Gedanken und Ideen, den historischen Experimenten und Zielen, auseinanderzusetzen.
Deshalb stellten insgesamt sechs Experten sechs „Gewerke“, wie die einzelnen Fachabteilungen für Unterricht und Experiment im Bauhaus genannt wurden, im Überblick vor und anschließend kurz zur Diskussion.
Die Moderation lag in den Händen von Prof. Dr. Ulrich Winko, FH München, der auch die generelle Einführung zur historischen und inhaltlichen Entwicklung des Bauhauses gab. Er betonte ebenfalls den enormen Einfluss der Schule. Man könne ihn unter anderem daran erkennen, dass es allein zum Thema Bauhaus 14.000 Veröffentlichungen gebe.
Das Bauhaus entwickelte in sehr kurzer Zeit die bedeutendste und fortschrittlichste Konzeption für Kunst und Gestaltung, die es wohl jemals gab. Deshalb wirken seine Einflüsse immer noch. Es hatte herausragende Lehrer – Henry van de Velde (Leiter der Vorläufer- Hochschulen), Walter Gropius, Hannes Meyer, Ludwig Hilberseimer, Ludwig Mies van der Rohe, um nur die Architekten zu nennen –, die bahnbrechende Ideen entwickelten. Es gelang auch, den Zeitgeist und die freiheitlichen Tendenzen der Zwischenkriegszeit produktiv umzusetzen.
Das Bauhaus galt schon zu seiner Zeit als Inbegriff der Moderne, Peter Gallison sprach von „Kanonischen Hochmodernismus“. Es verwirklichte Ziele des Konstruktivismus, Expressionismus und der neuen Sachlichkeit und griff die europäischen avantgardistischen Strömungen auf.
Zentrales Thema der Lehre war das Bauen: Ihm waren alle anderen künstlerischen und handwerklichen Disziplinen nachgeordnet. Dabei gilt es zu beachten, dass nicht zwischen Kunst, Handwerk und Wissenschaft getrennt wurde, sondern die drei Komponenten wurden als einheitliches und elementares Gestaltungsprinzip integrativ gelehrt bzw. ausgeübt. Diese Anschauung prägte den Namen „Gewerke“ für die einzelnen Disziplinen und deshalb wurden die Gewerke auch immer von einem Handwerksmeister und einem sog. „Formmeister“ geleitet.
In der Ausführung ging es um Sachlichkeit, Transparenz und Nutzen. Bei dieser Grundhaltung zum Schaffen und Gestalten ist es kein Wunder, dass auch Ideen aus Philosophie, Soziologie und Politik aufgegriffen wurden, z.B. die Utopie von der Gemeinsamkeit der Werktätigen (Hannes Meyer).
1919 wurde das Bauhaus ins Leben gerufen und zunächst von Walter Gropius geleitet. In Weimar konnte es sich jedoch aufgrund seiner „revolutionären Ideen“ nicht halten, weshalb 1925 der Umzug nach Dessau erfolgte. Hier wurden Wohnhäuser, Schul- und Werkstattgebäude nach eigenen Plänen gebaut, obwohl die Anfeindungen aus den konservativen Reihen nicht abnahmen. Hannes Meyer löste 1928 Walter Gropius in der Leitung ab. Durch Meyers radikal- konstruktivistische Haltung in seinem Konzept „Bauen“, aber auch durch seine sozialistische Einstellung („Volksbedarf statt Luxusbedarf“) geriet das Bauhaus noch mehr in Verruf, bis Meyer 1930 abgesetzt wurde. Hält man sich jedoch vor Augen, dass um dieselbe Zeit weltweit eine tiefe Wirtschaftskrise mit Inflation, Rezession und Arbeitslosigkeit herrschte, fragt man sich zumindest heute, warum die aus Meyers sozialistischer Einstellung entstandenen Ideen und Pläne z.B. zum sozialen Wohnungsbau nicht mehr Beachtung in der Öffentlichkeit gefunden haben.
Ihm folgte in der Bauhaus-Leitung Mies van der Rohe. Dieser bemühte sich, vom bisherigen Image des Bauhauses loszukommen und versuchte, durch die Konstruktion von Luxusartikeln auch mehr Geld zu erwirtschaften.
Trotzdem musste das Bauhaus wegen des finanziellen und politischen Drucks in Dessau 1933 schließen. Van der Rohe versuchte noch einige Monate, das Bauhaus in Berlin als privates Institut weiterzuführen. Nach einer Razzia der Gestapo wegen angeblicher „Kommunistischer Umtriebe“ stellte auch er den Lehrbetrieb ein.
1. Gewerk: Gestaltung und Typografie
vorgestellt von Rudolf Paulus Gorbach
Ausgehend von den persönlichen Erfahrungen und dem Unbehagen schon während des Studiums in Berlin 1960, den Begriff Gestaltung als Kunstrichtung zu interpretieren, schilderte Rudolf Gorbach seine eigene Annäherung ans Bauhaus und dessen „Versachlichung“ des Gestaltungsbegriffs durch die Forderung „Form folgt Funktion“.
Auch in der Gestaltung von Drucksachen griff das Bauhaus zunächst auf bereits vorhandene Strömungen und Techniken zurück; z.B. auf die Anwendung der Kleinschrift, der serifenlosen Schriften und den Einsatz von Schwarz/Rot als Druckfarben.
Ideengeber war hier vielfach der russische Konstruktivismus; man holte sich El Lissitzky als Lehrer. Aber auch Theo van Doesburg wirkte mit vielen Anregungen, ohne dauerhaft ans Bauhaus berufen worden zu sein.
Ebenso profitierte die Schule von den neuen Techniken wie Offset- und Tiefdruck. Gestaltungsformen wie starke Reduktionen und intensive Komprimierung wurden die Grundlagen zu einer „integralen Gestaltung“(wie es 30 Jahre später Karl Gerstner nannte). Dozenten wie Walter Porstmann waren hier Wegbereiter. Das enge Zusammenarbeiten mit anderen Gewerken wie Farbe und Malerei wirkte sich ebenfalls kreativ aus. Man bezog die Thesen von Wassiliy Kandinsky, Paul Klee, Johannes Ittens Farblehre und Joost Schmidts „Grundlehre“ in Typografie und Gestaltung mit ein. Jan Tschichold machte mit seiner „Elementaren Typografie“ die Bauhaus-Ansätze im grafischen Gewerbe populär. Unabhängig vom Bauhaus, aber durchaus im selben Geist, schuf Paul Renner eine neue konstruktivistische Schrift und Otto Neurath entwickelte in Wien eine radikale Infografik. Für die Typografie am Bauhaus waren Joost Schmidt, Herbert Bayer und Laszlo Moholy-Nagy wegweisend. Obwohl so grundlegend neue Gestaltungsideen umgesetzt wurden, richteten sich die „Werkschaffenden“ oft auch nach der Auswahl an Druckschriften der umliegenden Druckereien, wenn etwas verwirklicht werden sollte. Aber auch hier galt der Grundsatz von der Reduktion auf das Wesentliche. Typisch hierfür sind die Experimente mit Alphabeten.
2. Gewerk: Produktdesign
vorgestellt von Christoph Böninger
Ansätze zum Design gab es seit 1851: Für den Glaspalast der Weltausstellung in London mussten Abstützungen konstruiert werden, die sowohl ihre tragenden Funktionen gut erfüllen als auch elegant aussehen sollten. Ihr Entwerfer Joseph Paxton übernahm gleichzeitig die industrielle Fertigung.
Hier, aber auch z.B. bei der Konstruktion des Thonet-Stuhls in Wien galten bereits die Richtlinien, die das Bauhaus dann aufgriff und zum Stilbegriff weiterentwickelte: preiswert, platzsparend, praktisch. Heute kennt jeder die Stühle oder Sessel von Gerrit Rietveld oder Marcel Breuer, die in erster Linie dem bequemen Sitzen dienen sollten. Damit war der Gestalter auch als Techniker gefragt und Moholy-Nagy, der als Nachfolger von Johannes Itten ans Bauhaus geholt worden war, forderte die „bewusste Auseinandersetzung mit der Maschine“. So wurden die berühmten Stahlrohrmöbel entwickelt, etwa der Stuhl B 64, oder der Freischwinger mit Sitzgeflecht und Kufen, den Breuer für Thonet 1928 entwarf.
Während unter der Leitung von Meyer mehr auf den Volksbedarf eingegangen und Dinge wie „der“ Klapptisch entwickelt wurde (der Begriff „Werk“ ersetzte die „Gestaltung“), entwarf Van der Rohe den „Barcelona-Sessel“ 1929/30, der als Luxusartikel damals für die normale Bevölkerung praktisch unerschwinglich war. Obwohl die theoretischen Grundlagen des Bauhauses für Produktdesign bis heute wirksam sind („Wesen der Dinge“ erfassen) waren die Produkte selbst lange nicht anerkannt. Die Wagenfeld-Lampe wurde beispielsweise erst 1982 prämiert und 2007 beschrieb Richard Sennett in seinem Buch „Handwerk“ das Bauhaus als Quelle für zukunftsweisendes Produktdesign.
Christoph Böninger machte auf eine interessante Entwicklung aufmerksam: Von „Design“ spricht man eigentlich erst seit der Ulmer Schule, doch waren die Vermarktungsstrategien, die eben auch zum Design gehören, schon vorher wirksam. Das Bauhaus seinerseits versuchte sich zuerst durch Firmenaufträge (Thonet, Junkers-Werke), später durch Lizenzen die Finanzierung zu sichern.
Der Produktdesign-Begriff des Bauhauses auch als gesellschaftliche Utopie ist heute verloren gegangen, ebenso wie sich die Zeit der Design-Klassiker zugunsten von Pluralität und Markenvielfalt überholt hat.
Heute müsste nach Ansicht des Referenten an einer neuen „Utopie“ gearbeitet werden.
3. Gewerk: Architektur
vorgestellt von Siegfried Bucher
In der Architektur prägte das Bauhaus passiv wie aktiv die Klassische Moderne; vor allem die Leiter Gropius und Meyer, aber auch Hilberseimer befassten sich intensiv mit Typenbildung und Serienherstellung. Zum ersten Mal gab es eine Architekturabteilung mit Bauen und Konstruieren als Lehre. Hier flossen soziale und politische Aspekte mit ein. Gropius experimentierte mit dem Bauen in Bauteilen und entwarf modulare Einzelteile, die sich individuell zusammenstellen ließen. Er nannte seine Systeme „Wabenbau“ und „Baukasten im Großen“ und wollte damit „Wohnmaschinen“ herstellen. Mit dieser Zielsetzung baute er die Hallen des Fagus-Werks. Bei Gropius herrschte noch der durchaus positiv besetzte Begriff des Futurismus von Maschine als interessanter, zweckdienlicher und schnellerer Alternative zum herkömmlichen Produzieren vor. Beste Beispiele für diese neue Form von Architektur sind die Meisterhäuser, die Werkstätten und Lehrgebäude in Dessau: Der Sockel ist reduziert, durch viel Glas wird Transparenz geschaffen, innenliegende Stützen tragen den Bau. Es herrscht eine freie Grundrissform vor, die Symmetrie wird zugunsten einer „Durchmischung“ der Räume, die in Beziehung zueinander stehen sollen, reduziert. Sie wirken „ineinander verschachtelt“. Mit dieser Intension bauten Meyer und Hans Wittwer auch die Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau.
Meyer konzipierte seinen Baustil etwas anders. An Plänen und Modellen für die Arbeitersiedlung der Junkers- Werke wird sein Ziel der Trennung von Arbeit und Wohnen deutlich. Mit Flach- und Hochbauten und den Laubenganghäusern möchte er eine Durchmischung und die Integration von Wohnen mit sozialen Einrichtungen (Krankenhaus, Säuglingsheim) und Alltagsbedürfnissen (Läden, Cafés, Verwaltungsbüros) erreichen. Bei ihm stand die Wohn-Konzeption im Vordergrund und er forderte, das Soziale am Wohnungsbau mehr zu beachten.
Ein weiteres Beispiel für diese frühen Ideen von sozialem Massenbau ist die Dessauer Siedlung Törten. Meyer war bei solchen Großprojekten auch eine bessere Verkehrserschließung wichtig. Diese neuen Herangehensweisen an Bauen und Konstruieren forderten zum ersten Mal wissenschaftliche Grundlagen für Architektur.
Mit Van der Rohe vollzog das Bauhaus eine Wendung. Er sprach von Bau-„Kunst“ und wollte die Schule entpolitisieren. Van der Rohes Entwürfe wurden geprägt durch einen offenen Innenbau und eine kontinuierliche Baufolge. Er benutzte wertvolle Materialien wie Onyxplatten als Raumtrenner. Typisches Beispiel seiner Architektur ist der Pavillon zur Weltausstellung in Barcelona.
4. Gewerk: Kunst und Fotografie
Prof. Dr. Thomas Raff
Wie bereits dargestellt, hatte die Kunst am Bauhaus eine „dienende Funktion“, sollte aber alles durchdringen. Viele der Künstler am Bauhaus waren als „Form-Meister“ angestellt und arbeiteten mit dem eingangs erwähnten „Werk-Meister“ eng zusammen. Für sie galt der Satz: Die Schule ist Dienerin der Werkstatt. Fast alle waren bereits dadurch bekannt geworden, dass sie sich mit neuen Ideen gegen einen erstarrten Kunstbegriff aus Klassizismus oder Jugendstil wandten. Viele hatten die Einstellung, dass Kunst eine soziale Verantwortung in sich trage und dass durch einen verallgemeinernden Kunstbegriff das Volk mehr am künstlerischen Schaffen teilhaben könne. Deshalb galten auch sie als politisch eher links stehend.
Unter den ersten Lehrern waren Lionel Feininger („Kathedrale des Sozialismus“) und Johannes Itten, der viel mit Farben, Materialien und Fotografie experimentieren ließ und besonders Wert auf die individuelle Entwicklung seiner Schüler legte. Gerhard Marcks kam als Töpfer und Bildhauer dazu. Paul Klee wirkte von 1920 bis 1931 am Bauhaus, Oskar Schlemmer (Wandmalerei und Theater) ab 1921, Wassily Kandinsky von 1922 bis 1933 und Moholy-Nagy führte seine konstruktivistischen Fotoexperimente und seine Werbeideen ab 1923 am Bauhaus durch, wobei ihm zugute kam, dass seine Frau Lucia Fotografin war.
Auch hier wirkte Theo van Doesburg als „Gastdozent“.
Die meisten Künstler des Bauhauses vertraten die These, dass Kunst anwendbar sein muss, auch auf die Politik.
Mit dem Umzug nach Dessau und der Notwendigkeit, Geld für die Schule zu beschaffen, wurde die Kunst zugunsten der Industrieaufträge zurückgedrängt. Erst ab 1927 bekam sie wieder mehr Gewicht, vor allem durch das Wirken von Klee und Kandinsky („Punkt und Linie zur Fläche“, 1928). Ab 1929, durch den immer stärker werdenden finanziellen und politischen Druck gab es wieder eine Abwendung von der Kunst, was zur Folge hatte, dass viele Künstler weggingen, meist ins Ausland.
5. Gewerk: Textildesign und Weben
vorgestellt von Dr. Andrea Kluge
Beim textilen Gestalten ergab sich neben der vom Bauhaus geforderten Dreiheit Kunst/Handwerk/Wissenschaft noch eine weitere Verbindung: die von Kunst und Industrie. Die Textilwerkstatt stand mit den übrigen Gewerken in einer engen Wechselbeziehung, denn Textilien, nicht zuletzt die damals neuen Kunstfasern, ließen sich vielschichtig einsetzen. Man sprach von einer „Multifunktion der Produkte“.
In der Gestaltung wollten sich die Lehrer – hier waren es vielfach Lehrerinnen – vom Austro-Französischen Art-Deco wegentwickeln.
Dementsprechend „suspekt“ war der Umgang mit Ornamenten (Adolf Loos: „Ornament und Verbrechen“).
Geprägt wurde die „Frauenabteilung Weberei“ lange von Helene Börner, ab 1927 dann von Gunta Stölzl, Anni Albers und Otti Berger.
Aber auch hier wirkte der Einfluss von Itten und seiner Farblehre, später lehrte Georg Muche. Zunächst war die Weberei die Haupttätigkeit, erst ab 1931 befasste man sich mit Stoffdruck.
In der ersten Phase der Weberei entstanden hauptsächlich zentral angelegte, individuell kompositorische Produkte. In der zweiten Phase experimentierten Lehrerinnen und Schüler mit abstrakten, motivisch angelegten Kreationen in reduzierten Farben als „Muster für die maschinelle Herstellung“. Damit wird die oben angesprochene Wechselbeziehung der anderen Gewerke mit dem Texildesign deutlich:
Als „Stoffe für den Innenausbau“ wurden handgefertigte Prototypen entworfen; die Gestaltung war flächig-konstruktiv, der struktur-formale Ausdruck eines Gewebes sollte den mehrheitlich zweifarbigen oder monochromen Textilien Charakter geben. Es wurde auch mit neuen Materialien experimentiert; z.B. mit Eisengarn, einem steifen geglätteten Baumwollgarn mit Paraffin und Metallfäden.
Ab 1930 wurde das Gewerk Textil noch mal aufgeteilt in „Raumgestaltungsstoffe“ (Tapeten, Stuhlbezüge) und „Unikate“ (Wandbehänge und Teppiche). Die Verwendung von Metall- und Zellophanfäden führte zu einem Vertrag mit der Firma Polytex, die unter dem Namen „bauhaus dessau“ 20 Stoffe in Serie produzierte.
1932 und -33 übernahm die Innenarchitektin Lilly Reich die Leitung der Textilabteilung. Unter ihrer Führung wurde die serielle Produktion für die Industrie noch weiter ausgebaut, was dem Zeitgeist generell, in dieser späten Phase aber auch dem Ziel des Bauhauses selbst entsprach.
Besonders interessant war, dass die Referentin nicht nur Bilder der Gewebe zeigte, sondern auch eine kleine Auswahl an echten Bauhaus-Stoffen mitgebracht hatte. So konnten die Teilnehmer praktisch die Besonderheiten und Charakteristika der Textilien „befassen“.
6. „Gewerk“: Musik und Theater
Vorgestellt von Ulrich Müller
Diese Gattung war am Bauhaus kein eigenes Lehrfach (deshalb diesmal die Anführungszeichen) aber das Bauhaus zog auch Musiker an, genauso wie musikalische Strömungen der damaligen Zeit auf das Bauhaus einwirkten. Es fand eine wechselseitige Einflussnahme statt und auf beide Seiten, sowohl auf die Musik, als auch auf die Gestaltung war die Wirkung durchaus inspirierend. So fand Arnold Schönberg schon 1919 in der Forderung des Bauhauses nach Einfachheit und Tranzparenz eine Parallele zu seiner Kompositionslehre. Neue Richtungen wie Ragtime und Jazz wurden am Bauhaus aufgeführt und z.B. im Bühnenbild umgesetzt. Musiker wie Igor Strawinsky und Alexandr Skrijabin („Lichtklavier der Farben“) statteten dem Bauhaus längere Besuche ab oder kamen immer wieder. Auch Gustav Mahler, Frederico Busoni, Claude Debussy und Eric Satie waren zu Gast und korrespondierten mit den Lehrern. Edgar Varèse experimentierte, angeregt durch die Ideen des Bauhauses in seiner Komposition „Amerique“ mit „artfremden Klangerzeugern“ und setzte zum ersten Mal Sirenen ein. Itten stand in regem Kontakt mit dem Wiener Komponisten Josef Matthias Hauer, der neben Experimenten mit 12-Ton-Musik eine Synchronisation von Farben und Klängen versuchte. Er entwarf auch einen Musikschulplan. Diese Zusammenarbeit zwischen Musikern und dem Bauhaus unterstützte Schönberg durch die Gründung eines Vereins; er strebte eine abstrakte Bühnensynthese an. In ähnlicher Richtung arbeitete Ludwig Hirschfeld-Mack mit seinen „optophonetischen Experimenten“, die ebenfalls das Zusammenspiel von Visuellem und Akustischem zum Ziel hatten.
Viel wurde, gemäß den Bauhaus-Grundgedanken, mit einer „Gebrauchsmusik“ (Geräuschmusik) experimentiert. Hier sind vor allem Karl-Heinz Stuckenschmidt und Stefan Wolpe zu nennen, letzterer ebenfalls ein Bauhaus-Schüler (Komposition: „Stehender Klang“).
Durch die Forderung, Musik solle ebenfalls ein „Handwerk“ sein, besann man sich auf klassische Elemente zurück, setzte sie aber nicht in Reinform um. Es wurde auch eine Bauhaus-Kapelle gegründet, die fleißig experimentierte und viele Uraufführungen bestritt.
Durch die neuen Musikrichtungen und die Erfindung von neuen, mechanischen Instrumenten und Musikmaschinen wie dem Pianola entstand eine spannende Aufbruchstimmung. So komponierte George Antheil sein „Ballet Mécanique“ 1923 und erhielt dabei auch Anregungen von Theo van Doesburg. Antheil schrieb übrigens eine Halb-Autobiographie mit dem Titel „Bad Boy of Musik“, in der er die Erlebnisse während seiner Konzerte und Reisen teilweise mit satirischen Kommentaren, teilweise mit lustvoller Übertreibung, aber jedenfalls immer „bunt und farbig“ schildert.
Die Zuhörer konnten sich durch Musikbeispiele davon überzeugen, dass „Bauhaus-Musik“ einmal durch anarchisches Improvisieren, zum anderen durch herkömmliche Intonation ihren ganz eigenwilligen und durchaus spannenden Charakter bekam.
Auch im Theaterbereich gewann das Bauhaus Einfluss. 1921 rief der Bühnenbildner und Mystizismus-Anhänger Lothar Schreier eine Bauhaus-Bühne ins Leben. Nach Aufführung seines „Mondspiels“ erntete er aber nur Protest und so kam Oskar Schlemmer ans Bauhaus. Er inszenierte sein „Triadisches Ballet“, das den griechischen Dreiklang wieder aufgreift. Ähnlich entstanden klassische Bauhaustänze.
Die „Gruppe B“ unter Kurt Schmidt war dazu eine Gegenströmung. Sie verfasste ein „mechanisches Kabarett“. Moholy-Nagy sprach von „mechanischer Exzentrik“ und forderte eine „Entpersonalisierung“ des Theaters. Dies veranlasste Schlemmer zu der Äußerung, der Geist des Bauhauses sei entweder von indischem Mystizismus oder von amerikanischem Mechanismus geprägt.
Abschließend zog noch einmal Dr. Winko ein Resümée: Die Faszination am Bauhaus besteht nicht zuletzt auch in dem Versuch, alle Bereiche den zitierten Zielen unterzuordnen. Ausgehend von der Architektur waren fast alle Forderungen in allen Gewerken vertreten. Wenn sie auch unterschiedliche Auslegungen erfuhren, blieb damit das Bauhaus seiner Grundhaltung konsequent treu und wurde so für alle Arten von Gestaltung ideengebend und richtungweisend weit über seine eigene Existenz hinaus, bis hin zum „Mythos Bauhaus“.
Allen Referenten war sowohl die Faszination, die das Bauhaus auf sie ausübte, als auch die profunde Kenntnis über die jeweiligen Gewerke anzumerken. Selten bekommt man so klare, anschauliche und gleichzeitig dichte Vorträge zu hören. Alle sechs Redner hielten sich an die vorgegebene Zeit, (was leider nicht immer selbstverständlich ist) und beschränkten sich auf die Darstellung ihres speziellen Themas, so dass es auch kaum Wiederholungen, wohl aber gute Ergänzungen gab. Dies lernten die Zuhörer zu würdigen, denn trotz der Dichte und der langen Zeit (7 Stunden insgesamt) blieben Spannung und Konzentration bis zum Schluß erhalten.
Den begeisterten Äußerungen nach zu urteilen, gab es selten eine so rundum gelungene und einprägsame Veranstaltung mit hochzufriedenen Besuchern. Die Lust, sich detaillierter mit dem Thema Bauhaus zu befassen, scheint enorm gestiegen zu sein.
Astrid Baldauf
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