Die Typo 2014 will die inneren Werte der Gestaltung erforschen (so die Ankündigung) und dies mit sehr vielfältigen, all zu vielen, parallel laufenden Veranstaltungen, die natürlich nur teilweise aufgenommen werden können. Vielleicht habe ich die inneren Werte in anderen Veranstaltungen verpasst. Vielleicht findet man die auch nicht in einem so großen Kongress. Doch gibt es für mich zwei thematische Blöcke: dort wo es um Systeme und Ordnung geht und dort wo Gestalter ihre Gestaltungsgeschichten erzählen. Die Wurzeln spielen meistens eine Rolle, sind aber nicht die Hauptsache, obwohl die Typo 2014 unter »Roots« läuft. Für Typografen ein besonders spannender Teil ist der, in dem es um Systeme und Ordnung geht.

Besser Nichtstun

Holm Friebe beginnt die »Typo 2014« mit einer »Stein Strategie«. Das Tempo des Wandels wird oft von Strategieratgebern zum aktiven Einsteigen empfohlen. Dagegen empfiehlt die Stein Strategie, dass man nicht handelt. Handeln durch Nichthandeln, den richtigen Zeitpunkt abwarten, wo es leicht geht und nicht sinnloses Unternehmen, damit irgend etwas geschieht. Das hat Parkinson bereits in den fünfziger Jahren erkannt. Jede Arbeit dehnt sich so lange aus bis sie die dafür vorgesehene Zeit ausfüllt. Aktionismus ohne Strategie richtet Unheil an. Man spricht auch von »Action Bias«, wo Handlungen ausgeführt werden obwohl sie nicht sinnvoll sind. Sich finden lassen gilt auch im Survival als geschickt. Gegen die Trend- und Zukunftsforschung scheint einiges zu sprechen. Und oft ist eine Begeisterung »Hype«, also eine Gegenwartseitelkeit, was nach realer Entwicklung flacher wird. Nicht mitmachen bei dem was gerade »In« ist, aber nicht verpassen was out ist, empfahl Friebe.

Die unerlässlichen Systeme der Typografie

Für die Reduktion aufs Wesentliche braucht man Zeit. Das sagt auch Tom Moog und fragt: Warum haben alle Disziplinen der Gestaltung eigene Gestaltungsbücher? Und könnte man das alles nicht besser zusammenfassen? Und das hat Moog dann auch getan mit seinem Buch »Ordnung, Kontrast, Reduktion auf das Wesentliche«.
Alles, was nicht strukturiert ist, soll wegfallen. Ein feines Sieb soll den drei wichtigen Begriffen helfen.
Und die drei Faktoren schaffen saubere Lösungen.

Ordnung ist die gliedernde Aufgabe. Ordnung als Ratio, die Logik ist im Vordergrund. Wo überall schon Ordnung auftaucht, in Rastern, Plänen, Mindmaps beispielsweise. Module als Begriff tauchen überall auf. Ordnung gibt es in der Kunst, Architektur, in der Perspektive oder in der Musik. Die Ordnung gliedert, sortiert und strukturiert.

Der Kontrast hat dagegen eine ganz andere Aufgabe. Moog vergleicht das mit einer »Würze«; Dualität und Spannung, Gegensätze. Ohne die Kraft der beiden Pole würde nichts funktionieren. Kontraste finden sich zuhauf in Kultur und Umwelt.

Die Reduktion ist Verdichtung, braucht aber auch Zeit. Manchmal geht es darum sich zurück zu ziehen, zu entrümpeln, nachzudenken. Auf alte Wurzeln oder einfache Produkte zurück zu gehen ist oft erfolgreich. Beispiele einfacher Gestaltung zählen, wie die Produkte von Muji, Apple oder Braun. Weniger ist mehr. Die Reduktion in der Kunst gibt Beispiele. Das Kino im Kopf, das wir haben verlangt nicht, dass alles gezeigt wird. Reduktion bringt die Aussage auf den Punkt und je besser die drei Faktoren zusammen passen, desto besser wird das Ergebnis.
Anhand vieler Beispiele, oft Klassiker der Gestaltung, werden diese drei Faktoren bewiesen.
Und hier möchte ich auf Tom Moogs Buch hinweisen, das diese Gestaltungsbasis hervorragend und in sehr reduzierter Form beschreibt. Die vielen Beispiele erläutern diese dichte Welt von Gestaltungstheorie und Gestaltungswirklichkeit.

Tom Moog
Ordnung, Kontrast, Reduktion
180 Seiten
385 Abbildungen, davon 285 farbig
Broschur
AMBRA-Verlag, Wien 2014
34,04 €
ISBN 978-3-99043-529-8

Ulrike Damm fragt in ihrem sehr eindringlichen Vortrag: was hört man in einer Sprache, die man nicht versteht? Hören wir fremde Sprachen anders als die Muttersprachler? Können wir den Klang der Sprache untersuchen, nämlich als Designer, und Bilder dazu finden? Was machen die Sprechenden mit dem Mund, was geschieht da?
Sie leitete eine spannende Untersuchung mit Designstudenten in Deutschland und Russland. Für die Untersuchungsergebnisse musste sich die Gruppe einig sein, erst dann wurde das Ergebnis festgelegt als jeweilige Linie einer Sprache.

Im zweiten Teil wurde die Harmonie untersucht, und im dritten Teil Farbe und Sprachharmonie. Wobei erstaunlicherweise deutsch und russisch fast die gleiche Farben aufwiesen. immer wieder wies Ulrike Damm die Studierenden darauf hin, dass die Übungen nicht vorurteilsbeladen sein sollten und betonte auch die Schwierigkeit, dass das Wissen nicht benutzt wird. Dabei hält sie die Methode für wichtiger an als das Ergebnis.
In einer vierten Runde wurden für jede Sprache fünf Begriffe gebildet. Bilder wurden zugeordnet und es entstanden Collagen. Das Ergebnis war oft erstaunlich und wurde mit großem Vergnügen vom Publikum verfolgt.

Hamish Muir und Paul McNeil sehen sich als Visual Engineers und fragten sich, welchen Weg könnte es geben um mit Typografie zu arbeiten? Die Faszination an Systemen ist immanent. So wurde zu Beginn gleich die 1692 entstandene Romain du Roi gezeigt. Die Faszination geht aber weiter zu den Stencil letterings, van Doesbourg, die Fonetik von Herbert Bayer bis zur genormten DIN-Schrift. Es folgte eine Aufzählung und Darstellung vieler systematischer Schriften, die bis zu aktuellen Trends reichte.
In der inzwischen bei Sammlern geschätzten Zeitschrift »Octavo«, die die Referenten in den achtziger Jahren herausgegeben hatten, finden sich Beispiele der Systemversuche der beiden Referenten. Octavo sollte es im 6-Monat-Rhythmus nur vier Jahre geben. Macs waren noch im Anfangsstadium, aber versucht wurde ein ingenieursmäßiges Vorgehen. »Design denken«, »Design Maschine« waren begleitende Begriffe.
Bleisatz, aber auch Fotosatz bezeichnen die beiden Referenten als »rigide« Systeme. Dagegen sei der Computer viel flexibler.

In ihren Analysen verschiedener Schriften forschten sie immer, wie die Regeln überwunden werden könnten. Auch die Idee, dass der Buchstabe vom Wort getrennt wird ist doch recht außergewöhnlich spannend. Ein Statement lautete, dass sie als Roboter arbeiten wollten und keine Ideen mögen.
Und es gab viele schöne Arbeiten für Wim Crouwel zu sehen (die Schrift Interact ist eine Remniszenz an Crouwel); oder ein Buch ohne den Buchstaben e.

 

Sarah Ilenberger, die ihre Ausbildung an der St.Martins School in London ablegte, war zunächst im Team de
r Zeitschrift »Neon« beschäftigt. Sie wollte wohl schon immer Geschichten in Bildern erzählen. Dabei ist sie weder Fotografin noch Illustratorin, zeigt aber auf der Typo viele interessante »Installationen«, die auch schon die Grenze zur Kunst überschreiten. Gegenstände werden für Diagramme mit Gegenständen ausgesucht.
(Siehe Foto)

Bauhaus und Folgen

Sascha Lobe erzählte von einem Wettbewerb für das Erscheinungsbild des Bauhausarchivs. Er sieht sich selbst in der Tradition des Bauhauses und fragt was im Bauhaus denn war. Am Anfang des Bauhauses haben Künstler Typografie gemacht. Schnell trat aber Herbert Bayer als Typograf auf. Aber auch bei ihm war noch vieles sehr spielerisch. Schriftsysteme normen, aus wenigen Elementen Zeichen aufbauen, reduzieren war das Ziel Bayers, aber auch anderer Bauhäusler.

Dann zeigte Lobe einen rasend schnellen Film mit den eigenen Arbeiten für das Bauhaus. Der Film ließ keine Information zu, ein tosender Blödsinn für die Zuschauer und schade um die wahrscheinlich interessanten Arbeiten. Dazu gab es Musik von der »Gruppe Bauhaus«, die mit dem Bauhaus so viel zu tun hat wie der gleichnamige Baumarkt (es gäbe auch Musik, die unmittelbar am und um das Bauhaus entstanden ist, aber vielleicht wurde der höhere Anspruch gescheut).
Sodann beschäftigte sich Lobe mit dem Bauhaus Schriftzug den Bayer in dieser Form erst 1968 für die Ausstellung in Stuttgart gezeichnet haben könnte. Bayers Schrift Universal wurde geprüft, aber für das Erscheinungsbild als nicht ausreichend befunden. Doch wie lässt sich eine neue Schrift verbinden?
Letztendlich entstand ein riesiges Archiv an abgeleiteten Glyphen. Abstraktere Arbeiten wurden für das Erscheinungsbild bevorzugt, keine Fotos wurden mehr verwendet. Leider ist aber die typografische Anordnung äußerst modisch und nicht funktionell (!) und ergibt eine recht gewöhnliche Karikatur auf den gespreizten Blocksatz.

 

Eine völlig neue Bibeltypografie

Das Bielefelder Bibel-Projekt wurde in fünf Jahren im Institut für Buchgestaltung in einem Team um Professor Dirk Fütterer entwickelt.
Eine Bibel präsentiert sich im Allgemeinen eher als Lese-Zumutung. Und so entstand die Frage, was man ereichen könnte, damit man eine Bibel gerne liest. Natürlich wurde in den Seminaren die Geschichte der Handschriften und des Bibeldrucks untersucht von Jeremias Fund angefangen, zu Gutenbergs Ökonomisierung der Bibel bis zum Meilenstein der Zürcher einspaltigen Bibel von 19xx, sowie die Basisbibel von 2010 mit einer besondern Verpackung, oder mit neuer Sprache und Lesehilfen bis zu einem magazinartigen Versuch.

Unter den Formaten wurde ein durchschnittliches Format von 125 x 205 mm als Standard ausgemacht. Umfangreiche Format-Untersuchungen folgten und das Ergebnis war ein Sachbuchformat von 180 x 240 mm.
Das häufig anzutreffende gelbliche Dünndruckpapier wurde als zu empfindlich empfunden und so kam es zu einer Papierstärke von 90 g, leider etwas sehr weiss.

Dass man für so ein vielfältig strukturiertes Werk eine Schriftsippe braucht ist klar. Zunächst wurden Versuche mit der Scala angestellt. Doch nach weiterer Recherche fiel die Wahl auf die Nexus, die wie die Scala von Martin Majoor stammt. Dabei erwies sich die später als die Scala entstandenen Nexus als variantenreicher, mit einer »Mix«, vielen Zierbuchstaben und sogar einer Typewriter-Version. Dabei wirkt die Schrift – wenn man sie vergrößert –  in ihrem Bild oft scharfkantig, schon fast holzschnittartig.
Die in der Bibel erscheinenden verschiedenen Textsorten wurden ganz bewusst unterschiedlich behandelt, die Textcharaktere sollen betont sein, der narrativ-emotionale Charakter sollte sichtbar werden. Listen sehen wie Listen aus, im Layout wird fragmentiert. Ein Rhythmus wird sichtbar. Poetische Texte dürfen sich als Gedichte zeigen.
Begriffe werden ausgezeichnet (sonderbarerweise in einer Sperrung), Gliederungen, Auszeichnungen und Dialogsatz gibt es und Briefe entsprechen der visuellen Gewohnheit von Briefen, Gesetzestexte eben auch.
Das Ganze ist eine interdisziplinäre Arbeit und  nicht nur Teamarbeit. Wissenschaftlichkeit und Lesbarkeit sollen in Balance sein. Die Gestaltung und die Exegese sind Pole bei der Vorbereitung des Bibel-Projektes, denn für die Gestalter ist die Exegese nötig.
Es gibt bisher leider nur eine Betaversion.
Bielefelder-Bibel.de

 

Studentenformat, ein Nest

Erstmals gab es ein neues Auftrittsformat für Studierende, die beispielsweise ihre Master- oder Bachelor-Arbeiten zeigen können, das »Nest«. Das ist dann eine vierte Veranstaltungsebene, die sich schwer mit einplanen lässt. Ich bin (eher zufällig) der Präsentation zweier Studierenden der FH Potsdam gefolgt. Dabei ging es um eine Untersuchung über Nachbarschaften, die zunächst in der Theorie über starke und schwache Bindungen vorbereitet wurde. Und es gab den einfachen Versuch, an der Tür zu klingeln und dann mit den Leuten zu sprechen. Natürlich kommen sehr unterschiedliche Aussagen über die Privatsphäre zusammen. Als gemeinsamer Raum wurde nur der Fahrstuhl von den Hausbewohnern des untersuchten Hochhauses genannt. Im Haus gab es ein Treffen der »Ureinwohner«. Neu zugezogene Personen kennen meistens niemand. Eine Nachbarschaft wurde außerhalb des Hochhauses eher nicht gesehen.
Objekte wurden aufgestellt im und vor dem Fahrstuhl und beobachtet (beispielsweise eine Pflanze mit Podest und Gießkanne). Und eine im Fahrstuhl aufgebaute, mit einer digtal gesteuerten Kamera versehenen »Mimosa« sorgte für sehr lustige Begebenheiten. Vom begleitenden Professor (Name?)  wurde das Experiment als eine Studie von direktem Interface Design gesehen.

Im zweiten Beispiel ging es um Infografiken. Pierre le Baume untersuchte den Perspektivwechsel im»The Afghan Conflict«. Die Visualisierung sollte zeigen, ob man besser das Land verlassen oder im Land bleiben sollte. Beraten wurden die Studierenden vom Journalist Max Steinbeis (?) Im Buch »Information Design« (siehe Blogbeitrag vom xxxx) ist diese Arbeit enthalten.

Schriftbasis aus erster Hand

Da Gerrit Noordzeji aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich nach Berlin kommen konnte, hatte Jürgen Siebert ihn zuvor für ein Interview besucht, das auf der Typo gezeigt wurde. Nordzejis Aussagen berührten viele im Saal und sein Zitat »Man weiss nie wie weit man sich entfernt hat wenn man nicht weiss wo man herkommt«, war sehr plausibel. Alles was von Menschen gemacht wird ist ein Artefakt, sagt er und beginnt mit Kreide an der Tafel ein Paralellogramm zu erklären, das nicht zu vereinfachen wäre.
Er beginnt mit den ägyptischen Hieroglyphen und zeichnet sie mit einzelnen Zügen an die Tafel.
Dann setzt er sie in
den Gegensatz zur Schrift der Griechen und fragt was Bild und was Schrift sei.
Das Alphabet wäre ursprünglich ein Ziffernystem gewesen, und nicht um »so etwas wie dumme Gedanken« auszudrücken. Phönizische Kaufleute haben mit griechischen Kaufleuten geredet.

Doch wie wird sich die lateinische Schrift verändern wenn kaum noch jemand schreibt? Und weiter: Sobald jemand feierliche Aussagen über Schrift macht soll er doch erst mal seine Handschrift zeigen.
Und dann kommt in knappen Aussagen, die durchaus unterhaltend wirken, wie die Schrift von Mainz nach Venedig kam, wie Fournier die Handschrift Garamonds  angleichen wollte.
Und er fragt auch, ob der Einfluss der Handschrift auf die Typografie überschätzt wird. Und es sei Unsinn Druckschriften zu entwickeln mit Druckschriften im Kopf. Schreiben beginnen sollte in der Bewegung aus der Schulter geschehen.
Und den Studierenden rät er, nicht das zu machen, was alle können und daraus lediglich etwas zu manipulieren. In der folgenden knappen Diskussion wurde nach dem gebildeten Brauchtum der Schrift gefragt. Nordzeji sieht es nicht an den Hochschulen.

David Lemon, Leiter des Schriftlabors bei Adobe, berichtete über 25 Jahre Adobe, vor allem die Adobe-Schriften. Eine Zusammenarbeit gab es schon ganz früh mit Apple, aber dominierend war von Anfang an die Zusammenarbeit mit den bisherigen Schriftherstellern der Fotosatzzeit wie Linotype, Autologic, ITC, später auch Monotype und von den Neuen Schriftanbietern vor allem Emigre. Neben den für die neue digitale Welt gangbar gemachten klassischen Schriftfamilien kamen ganz neue Sonderbereiche hinzu wie die Notenschrift Sonata oder Zapfs Dingbats. Sumner Stone wurde als Leiter des Schriftteams gewonnen, die Stone-Familie wurde sehr erfolgreich, sicher zurecht.
Mit Robert Slimbach, der schon für Autologic gearbeitet hatte, begann eine sehr gute Zeit für Adobes Leseschriften. Die Entwicklung der Adobe Garamond als traditionelle und die Utopia als modernere Schrift sind hier zu nennen. Versgohumans hatte man inzwischen als neues Kunstwort für den Schrifttest gefunden und den Hamburgefonts abgelöst.
Charlemagne, Lithos und Trajan, Schriften vor der Gutenbergzeit schuf Carol Twombly.
Die Tekton, die auf den Architekt Frank Ching zurückgeht war für Architekten gedacht, aber erreichte dann mehr andere Zielgruppen.
Und immer gibt es viele Schnitte und seit OpenType immer mehr Glyphen für die einzelnen Schriften.
Natürlich wurden auch viele individuelle Schriften bei Adobe aufgenommen. Holzlettern wieder entdecken galt eine der großen Sympathien, wobei sich Lemon gegen Modetrends aussprach. Schriftfamilien sieht er als intensives grafisches Netzwerk und die Zusammenarbeit mit Standardorganisationen war selbstverständlich.
Die »Adobe-Originals«, die oft die Charakteristik der vor Jahrhunderten kreierten Bleisatzschriften beinhalten, wurden erforscht wie beispielsweise bei der Adobe-Caslon (Carol Twombly), oder durch Robert Slimbach bei der Jenson. Eine weitere Garamond, die Garamond-Premier, sieht Lemon als bestes Revival. Und es gibt immer mehr unterschiedliche Entwurfsgrößen, was auf die Beschäftigung mit Bleisatz und den daraus abgeleiteten Ergebnissen zurück geht. Open Type sieht Lenon als eine der wichtigsten Erfindungen für die Schriftanwendung. Und daraus folgend gibt es schon so viele Schriftfamilien auch für Zentral-Europa aber auch im nicht lateinischen Schriftbereich. Inzwischen ist der 100. Adobe-Font erschienen und dazu hat Adobe diesen Font, »Source Sans« zum kostenlosen Herunterladen freigeschaltet.

Fritz Grögel stellt sein Buch über Schriften der Maler vor. Er erwähnt, dass in frühen Schildern viel seltener als immer angenommen gebrochene Schriften verwendet werden. Bemalte Fensterscheiben in Paris hatten es ihm angetan und führten zu einer Diplomarbeit über Schrift im öffentlichen Raum in Frankreich. Die verzweigten Berufe um das Malen von Schildern wurden damit analysiert, sowie die Entstehung der verschiedenen Bereiche des »Letterings«. Einblicke in diese Bereiche führten zu Urmustern des Schreibens, wie das von Lorck 1868 geschaffene Schriftblatt. Und hier sind auch die verschiedenen Lehrmeister der Vorlagenblätter erwähnt:
Fetzers Vorlageblätter, Textur und Blockschriftvergleich bei Mandel in Frankreich, Soennecken, der die gebrochenen Schriften nicht leiden mochte. Schrift kommt von Schreiben, sagte Rudolf Larisch. Rudolf Blanckertz, einen Federfabrikant, zeigt er als Verfechter des Schreibens und der gebrochenen Schrift. Und die Redisfeder ist aus dem Quellstift entwickelt.

 

Darstellungen eigener Arbeiten, eine Auswahl

Werbend tätig sein möchte fast niemand mehr, man »schafft jetzt Kommunikation«. Daniel  Gjoede vom Büro »stupid« sieht sich nicht als Werber, sondern als Werte Schaffender, eben mit Design. Er zeigt einen Film über seine Agentur mit extrem kurzen Schnitten (damit sieht man auch nichts mehr, sondern »moodboardert« vor sich hin. So zeichnen die Kunden ihr Logo erst mal selbst.
Bewegungen die zu Emotionen führen. Viele Gemeinplätze, die wohl alle richtig sein könnten sind aber oft schon allzu bekannt. Natürlich erntete der Aufruf bei keinem kostenlosen Pitch mitzumachen Sonderapplaus. Und sehr interessant ist auch, dass in dieser Agentur jede Woche eines Arbeitsprozesses betrachtet wird und seine Dynamik grafisch aufgezeichnet wird.

Petr Bil’ak erwähnt dass sich Zeitschriften in der Gestaltung gegenseitig kopieren. Die Leser seien nicht die Hauptsache, sondern die Anzeigenkunden. Als »The Sun« 1833 erstmals mit billigerem Verkaufspreis erschien lief die Finanzierung erstmals über Werbeeinnahmen. Vielleicht hat das den Inhalt noch nicht beeinflusst. Heute ist das anders, denn das »Werbegetriebene« beeinflusst auch den Inhalt.
Interessant ist, dass »Newsweek« 2012 nicht mehr als Print-Ausgabe herauskam, obwohl es 1,5 Millionen Leser gab. Doch zwei Jahre später tauchte wieder eine Printausgabe auf; viel teurer, aber nur mit 70000 Auflage. Den Verlegern wird heute vieleicht bewusst, dass die Leser das Wichtigste sind.

Eine Zeitschrift, die Bil’ak herausgibt heißt »Works that Work«, hat nur eine Auflage von 3500 Exemplaren. Sie enthält wenig Werbung und wurde per Crowdfunding gegründet. Hierzu wurde eine Comunity gegründet und man hatte bemerkt, dass die Menschen stark an Printprodukten interessiert sind. Natürlich wurde für die Zeitschrift eine eigene Schrift entwickelt, die »Lava«. Die Auswahl der Artikel kann über eine Kartenübersicht erfolgen. Andere Sprachen (als Englisch) werden als URLs angegeben. Der Inhalt ist das Wichtigste der Zeitschrift und sie geht davon aus, dass alles, was Menschen machen, gestaltet ist. Und dann stellt Bil’ak ausführlich die Inhalte der Zeitschrift vor und dabei habe ich den Saal verlassen (Erst einige Wochen später, während der Lektüre von Florian Pfeffers »Die neue Rolle der Gestaltung in einer veränderten Welt« habe ich begriffen, dass es ja wohl tatsächlich um den Inhalt und nicht um die Gestaltung der Zeitschrift geht).

Unter »New Rave« mag man sich vi
elleicht etwas anderes vorgestellt haben. Fraser Muggeridge zeigt Arbeiten, die er als nahezu langweilig bezeichnet, was seiner Meinung auch besser als »richtig langweilig« sei. Er sagte auch, dass 2013 mehr Bilder reproduziert wurden als zuvor durch die gesamte Fotografiegeschichte.
Er versucht Bilder statt Text zu Sätzen zu formieren; ist begeistert von Buchstabenbildern, die immer aus zwei verschiedenen Buchstaben gebildet wurden, oder die Hälften durchgeschnitten wurden. Oder eine Schrift, die mit der Eingabe eines »e« den Font wechselt. Muggeridge ist auch fasziniert von einer Schrift, die drei verschiedene Kommas zur Verfügung hat.

Thomas Manss beschreibt die Unternehmen anhand von Kühen. Sein Büro mit 20 Leuten in mehrerern verstreuten Städten sieht er als Teams und Büros, die eigenverantwortlich sind.
Nach den Kühen zeigt er Arbeiten der Teams, viele sehr schöne Logo-Gestaltungen, und er meint dass der Erfolg bei ihm daran liegt, dass er die richtigen Fragen stelle. Sein Auftritt erinnert eher an einen Werber, was durch manche Aussagen verstärkt wird. Es entstehen sehr aufwändige Unternehmensbücher, für hochpreisige Marken, meistens sehr schön und professionell gestaltet, aber doch ein wenig angeberisch.

Markante Kontraste neben sehr subtilen Eindrücken; Typografie wie sie sich auf der Typo 2014 zeigte geht durch alle Schattierungen, oder zumindest durch viele.

Erik van Blokland und Paul van der Laan besprechen mit großem Vergnügen eingereichte Schrftskizzen.

Grzegorz Laszuk and the Raiders of the Lost Things. Ein Grafikdesigner, der auch Regiseur und aktivist ist.

Die Inszenierung seines Ensemble »komuna warszawa« war ein auflockerndes Vergnügen. Typografie

kam aber auch vor.

Volle Hallen. Wie schön, dass Typografie so etwas bewegen kann.

Foto: Gerhard Kassner. Aber alle anderen sitzend beim Zuhören aufgenommen von rpg